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Eigene Veröffentlichungen

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Lehrlingsaktionen 1973 lehrlinge.doc [39 KB] lehrlinge.rtf [63 KB] lehrlinge.pdf [180 KB] Bericht über Aktionen 1972/73
Kirche und Handwerk 1974 kirche-und-handwerk.rtf [149 KB] kirche-und-handwerk.pdf [1.021 KB] Vieles ist doch noch aktuell
Veröffentlichungen BRU-Magazin bis Heft 32/2000     Will ich demnächst hier einzeln einstellen
Islam [36 KB] Erfahrungen
mit interreligiösem Religionsunterricht - in der Kollegschule NRW
islam.doc [34 KB] islam.pdf [17 KB] Kollegschule war in NRW eine Form der VollzeitBS mit Doppeltqualifizierenden Bildungsgängen
Berufsbezug oder umfassende Handlungskompetenz ? berbez.doc [51 KB] berbez.pdf [199 KB]  
Ausbildung rechnet sich rechnet-sich [27 KB] rechnet-sich [40 KB] rechnet-sich [179 KB] Warum Ausbildung sich rechnet - in BRU-Magazin 26
Meine Ausbildung und mein Beruf elemente.doc [73 KB] elemente.rtf [134 KB] elemente.pdf [282 KB] 12 Eelemente für den RU zum Thema Ausbildung und Beruf
Verständlicher Hass [1.699 KB] - aber auf die Falschen   Verständlicher Hass [1.699 KB] - aber auf die Falschen zum Hass der Rechtsradilkalen - bewußt provokant
Motorradfahren [303 KB] theologische Perspektiven Motorradfahren [5.740 KB] Motorradfahren [303 KB] Theologische Perspektiven
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standortdebatte--nur als.pdf [215 KB] standortdebatte--.doc [2.726 KB] standortdebatte--.rtf [2.726 KB] standortdebatte--.pdf [215 KB] Argumente zu Diskussion um den Standort Deutschland - immer wieder erstaunlich aktuell
Modernisierungsverlierer modernisierungsverlierer.doc [33 KB] modernisierungsverlierer.rtf [61 KB] modernisierungsverlierer.pdf [175 KB] Analyse ohne Konsequenzen ?
Rezension Hansen Marketing rezension-hansen.doc [23 KB] rezension-hansen.rtf [36 KB] rezension-hansen.pdf [6 KB] rezension-hansen.doc [23 KB] Buch über Marketing

Lehrlingsaktionen 1973

Lehrlinge ( 1973)

aus : Otto Seeber/Yorick Spiegel ( Hg,) Behindert Süchtig Obdachlos., München 1973 S 135ff.

S. 135

Die Aktionen der Arbeitsgemeinschaft unabhängiger Lehrlinge Duisburgs (AULD)

Der folgende Beitrag will darstellen,, wie in Duisburg die Lehrlingsaktionen begannen, mit welchem Ziel sie ge­führt wurden und was sie erreichten. Dabei sollen auch die Konflikte aufgezeigt werden, die durch die Aktionen zwischen der Arbeitsgemeinschaft, der Kirche und den Gewerkschaften aufbrachen.

Vorgeschichte

Im Jahre 1969 trat ich mein „Amt“ als Berufsschulpfar­rer an der kaufmännischen Schule in Duisburg an. Schon kurz nach meinem „Amtsantritt“ kam es zu Unterrichts­gesprächen über die Situation der Lehrlinge in den Be­trieben, die die katastrophalen Missstände in der Lehr­lingsausbildung deutlich machten.

Die Motivation zu diesen Gesprächen war zunächst völlig unpolitisch. Es ging darum, die Interessen der Schüler kennen zu lernen, um daraufhin gemeinsam mögliche In­halte des Religionsunterrichts festzulegen. Als Zielvorstellung schwebte mir damals noch das Kon­zept einer vom Evangelium her motivierten „Lebenshil­fe“ vor. Diese Vorstellung stimmte mit dem Lehrplan und der herrschenden Praxis des Religionsunterrichts an der Berufsschule überein. Da mir aber die Missstände in der Lehrlingsausbildung derart massiv und grundsätzlich erschienen und die Lehrlinge aus Angst vor ihren Arbeit­gebern und ihren Eltern an ihrer Situation nichts verän­dern konnten oder wollten, reichte das Konzept individu­eller Lebenshilfe nicht aus.

Auch die Dienstanweisung sah für solche Strukturmängel keinen „Auftrag“ vor: „Der Berufsschulpfarrer soll auch außerhalb der Schulzeit die Verbindung zu seinen Berufs­schülern-(innen) pflegen. Durch Besuch der Elternhäuser, Arbeitgeber, Werksleiter und Innungen soll er sich über die innere und äußere Lage der Jugendlichen unterrich­ten“, heißt es dort. Immerhin wird die Aufgabe der „Un­terrichtung“ gefordert. Sehr bezeichnend ist es aller­dings, daß die Gewerkschaften bei der Aufzählung fehlen; das ist sicherlich kein bloßes Versehen! Ein Auftrag, die „innere und äußere Lage der Jugendli­chen“ eventuell zu verändern, schien - wie sich später

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auch herausstellte - damit nicht verbunden zu sein. Neben der Information bei den zuständigen Stellen (s. u. ) suchte ich nach einem Weg zur Veränderung der Verhält­nisse, die über Einzelfallhilfe hinausgehen sollte.

Der erste Schritt war, dass ich ein Papier „Vorschläge zur Reform der Lehrlingsausbildung“ konzipierte, das aus Äußerungen der Lehrlinge bestand und deshalb mehr am Vorfindlichen orientiert war. Dies Papier wurde in den Klassen mit Lehrlingen diskutiert und verändert. Dann folgten Gespräche mit Kollegen in der Schule, mit Gewerkschaftern und Ausbildern. Ein politisch strategi­sches Konzept war noch nicht vorhanden. Da mir als Theologe von meiner Ausbildung her die nöti­ge Sachkenntnis fehlte, las ich mich in die Literatur zur Lehrlingsausbildung ein“(61). Von der akademischen, evan­gelischen Sozialethik her fand sich keine mir ausreichend erscheinende Antwort auf die Probleme. Wie verhielten sich nun einzelne kirchliche Gremien in Duisburg zur Situation der Lehrlinge in den Betrieben?



Die Vorschläge zur Reform der Lehrlingsausbildung wurden im Konvent der Berufsschulkatecheten und -pfar-rer diskutiert. Man beschloss, an den Problemen weiter­zuarbeiten, aber die konkreten Aktionen dem Einzelnen zu überlassen (62). Eine Solidarisierung fand nicht statt.

Diese Verweigerung beleuchtet die Situation der Berufsschulpfarrer und Katecheten, die wöchentlich bis zu 400 Lehrlinge unterrichten und die schweren Missstände in der betrieblichen Ausbildung genau kennen. Der Sozialsekretär der Synode von Duisburg schlug nach zweimonatigem Schweigen zu meinen ‘Vorschlägen` „Über- legungen“ und ein politisches Nachtgebet vor. Öffentliche Aktionen sah er als sinnlos an und verweigerte deshalb seine Teilnahme.

Ähnlich verlief ein Gespräch mit den örtlichen DGB-Vorstandsmitgliedern. Es hießt, die Gewerkschaften täten genug für die Lehrlinge; Demonstrationen und Aktionen auf der Straße könnten sie nicht unterstützen. Außerdem hätte jeder Lehrling als Gewerkschaftsmitglied Rechts­schutz, dies sei vollkommen ausreichend. Das Ergebnis dieser ersten Versuche, die zuständigen Institutionen zur gemeinsamen Aktion zur Veränderung

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der Ausbildung zu bewegen, war also enttäuschend. Die „Aufgeschlossenheit“ für die Probleme endete bei bloßen verbalen Erklärungen.

Wie wirkten sich diese negativen Erfahrungen auf die Ar­beit mit den Lehrlingen aus?

Die Möglichkeiten, eine breite Solidarisierung innerhalb der Kirche und den Gewerkschaften zu finden, schien er­schöpft zu sein. Der Religionsunterricht in der Berufs­schule bot eine zu dünne und unsichere Basis, um von da aus zusammen mit der erst langsam sich politisch arti­kulierenden SMV Aktionen vorzubereiten. Es blieb als einziger Ausweg, sich außerhalb der Schule zu organisie­ren und die Aktionen vorzubereiten.

Allerdings war es wichtig, dass sich die Lehrlinge jede Woche einmal in der Berufsschule trafen und im Unter­richt ihre Probleme diskutieren konnten. Im Gegensatz zu anderen Unterrichtsfächern besitzt der Religionsunter­richt einen größeren Spielraum, auf die aktuellen sozia­len Fragen der Lehrlinge einzugehen. Die Ziele und die Erfahrungen bei den Aktionen wurden besprochen und kri­tisiert; die konkrete politische Lage sowie deren sozio-ökonomischen Ursachen reflektiert.



Die Gründung der Arbeitsgemeinschaft unabhängiger Lehrlinge Duisburgs (AULD)

Ein „progressives“ Schülerforum des Katholischen und Evangelischen Jugendpfarramtes veranstaltete eine öffent­liche Diskussion über die Ausbildungssituation der Lehr­linge in den Betrieben. Es wurde über die Lehrlingsde­monstrationen und Aktionen in Essen und in anderen Städ­ten der BRD berichtet und die Notwendigkeit einer brei­ten Solidarisierung erörtert. Ungefähr fünfzehn Jugendli­che, darunter Schüler aus dem Republikanischen Club, Lehrlinge, Gruppenmitglieder der Sozialistischen Deut­schen Arbeiterjugend (SDAJ) und Junggewerkschafter schlössen sich im Nov. 1969 zur Arbeitsgemeinschaft un­abhängiger Lehrlinge Duisburgs zusammen. Nach mehre­ren Sitzungen einigte man sich auf ein Grundsatzpro­gramm: Beseitigung konkreter Missstände in Betrieben, Werkstätten, Groß- und Einzelhandelsverkaufshäusern durch gezielte Aktionen. Die Arbeitsgemeinschaft nannte sich unabhängig, um „bloße Interessenvertretung Einzel-

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ner wie auch verlängerter Arm von Institutionen, Partei­en oder Verbänden und deren Einzelinteressen zu sein“ auszuschließen.

Kooperation sollte nur insoweit angestrebt werden, als diese Unabhängigkeit nicht gefährdet wird. Hier zeigte sich der Einfluss der Schüler der „antiautoritären Phase“: „Misstrauen gegenüber allen Autoritäten, jedoch mit dem von den Erwachsenen eingebrachten Moment der „Koope­ration“ mit den Institutionen.

Diese Abgrenzung führte - wie zu erwarten war – zu Kon­flikten mit anderen Gruppen der Industriegewerkschaft Metall, linker Jugendorganisationen und auch innerhalb der Arbeitsgemeinschaft selbst. Andererseits wurden aber auch andere Lehrlinge für die Mitarbeit in der AULD gewonnen, die sich nicht mit irgendeiner Organisation, Partei oder Institution völlig identifizieren wollten. Außerdem ermöglichte diese Unabhängigkeit, dass wir uns in einem Ev. Jugendheim treffen konnten. Es war eines unserer wichtigen Ziele, die noch unpoliti­schen, aber unter Pressionen stehenden Lehrlinge, durch Planung und Durchführung konkreter Aktionen in Duisburg zu einem politischen Bewußtsein ihrer eigenen Lage zu führen63). Als Modell diente die „Arbeitsgemeinschaft gewerblicher und kaufmännischer Lehrlinge in Essen“, mit der wir in losem Kontakt blieben.

Die Fragebogenaktion und die Gewerkschaft Nachdem ein Versuch fehlgeschlagen war, konkrete Miss­stände in einem Textilgroßkaufhaus aufzudecken und be­seitigen zu helfen, wurde die Fragebogenaktion beschlos­sen und durchgeführt.

Die Ausarbeitung des Fragebogens unter Mithilfe einiger Beruf s schullehrer (GEW), von denen sich einige bald we­gen „zu radikaler Methoden“ von uns trennten, erbrachte eine Stabilisierung der Gruppe. Die Arbeitsteilung beider Durchführung der Aktion ließ aufgebrochene Kontroversen innerhalb der Gruppe über die politischen Ziele in den Hintergrund treten. Fragebögen mußten gedruckt werden, Stände aufgebaut, Plakate gemalt und die Organisation und Durchführung der Aktion geplant werden. Unter großem persönlichen Einsatz wurde dann später auch die Befra­gung drei Wochen lang vor den Berufsschulen in Duisburg

durchgeführt

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Die regionale und auch überregionale Presse berichtete positiv über die Aktion(64). Einige Seitenhiebe in der Presse gegen die Gewerkschaften führten zu einer von uns nicht beabsichtigten Leserbrieffehde. Sie wurde beige­legt, indem man sich einigte: öffentliche Polemik sollte vermieden werden; konkrete Zusammenarbeit in Einzel­fällen, Rechtshilfe für Gewerkschaftsmitglieder wurde angeboten. Die Methoden politischer Aktion blieben kon­trovers. Einige Gewerkschaftsmitglieder, die mit der AULD sympathisiert hatten, distanzierten sich von ihr.

Eine wirkliche Kooperation mit der Gewerkschaft, beson­ders mit der Industriegewerkschaft Metall, erwies sich vor allem deshalb als unmöglich, weil die politischen Inhalte gegensätzlich blieben: Die Gewerkschaftsfunktionä­re gaben klar zu verstehen, dass sie durch die Tarifver­träge und durch die Friedenspflicht des BVG in ihrer Ak­tionsfreiheit gebunden seien und dies auch für richtig hiel­ten. Die Verflechtung mit der SPD, die gerade an die Re­gierung gekommen war, mag ein weiteres Moment für ihr Verhalten gewesen sein.

Hinzu kam, dass die Gewerkschaften mit dem neuen Be­rufsbildungsgesetz aus dem Jahre 1969 Sitz und Stimme in den Berufsbildungsausschüssen der Industrie- und Handelskammern erhielten. Diese Position wollten die Ge­werkschaften nicht schon vor der Konstituierung der Aus­schüsse gefährden.

So bedeutete Kooperation praktisch nichts anderes als die Kontrolle über die Aktivitäten nicht zu verlieren. Die Ge­werkschaften in Duisburg setzten also eher auf die insti­tutionelle Macht als auf die „Macht von unten“. Das ver­sprochene Lehrlingszentrum wurde bis heute nicht errichtet; die Hoffnungen vieler Mitglieder der AULD, ihre Ar­beit in der Gewerkschaft direkt fortzusetzen, nachdem die AULD an die Grenzen ihrer organisatorischen Mög­lichkeiten gekommen war, sind also bitter enttäuscht wor­den.

Ist oder war Duisburg ein Sonderfall gewerkschaftlicher Politik? Das Dilemma für jeden fortschrittlichen Bürger ist m. E. deutlich: Wer für die Rechte der Arbeitnehmer kämpfen will, muß dies zT. gegen die Politik der Gewerk­schaft tun. Die Frage ist aber, ob dieser Kampf ohne oder in der Gewerkschaft geführt werden kann und





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Die Fragebogenaktion und die Kirche

Die AULD war an den Sozialethischen Ausschuss der Kir­chenkreise Duisburgs herangetreten, der zusammenge­setzt war mit dem Sozialsekretär als Vorsitzenden, mit Pfarrern, Arbeitnehmern,, Arbeitgebern, dem DGB-Vorsitzenden in Duisburg, um eine finanzielle Unterstützung für die Fragebogenaktion zu bekommen. Der Ausschuß beschloß einen Zuschuss zu gewähren, je­doch nur unter der Bedingung, „dass sich die Gruppe zur Konsultation und zur Kooperation mit dem Ausschuss . . . bereit erklärt und verpflichtet“.

Unter Konsultation und Kooperation verstand der Aus­schuss „die gemeinsame Planung aller öffentlichen Aktio­nen und Veranstaltungen der Gruppe“. Außerdem forder­te er, dass alle weiteren Bemühungen „in Zusammenar­beit mit den zuständigen Institutionen wie Gewerkschaf­ten, Kammern, Innungen usw.“ unternommen werden müssten.

Diese Bedingungen waren für die AULD unannehmbar. Sie hätten den Verzicht auf jede eigenständige Arbeit der Lehrlinge bedeutet und diese den Spielregeln unterworfen, die auch die Gewerkschaften daran hindern, die Interes­sen der Lehrlinge wahrzunehmen.

Die Zusammenarbeit mit den Institutionen war aber schon zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich, weil sich die Kammern, ähnlich wie die Gewerkschaften, weigerten, mit Gruppen zu verhandeln, die an dem bestehenden Aus­bildungssystem radikale Kritik übten. Die Fragebogenak­tion wurde von ihnen von vorneherein diskreditiert. Dem Sozialethischen Ausschuss war dieser Sachverhalt bekannt. Die Aufforderung der Zusammenarbeit mit allen zustän­digen Institutionen erschien von daher als Verschleierung der tatsächlichen Verhältnisse.

Die Kirche in Duisburg erwies sich in dieser Auseinan­dersetzung als eine systemerhaltende Kraft. Sie hatte ih­re Rolle als eigenständige Institution verneint. Das immer wiederkehrende Argument, die Kirche müsse „überpartei­lich“ sein, erweist sich in Wirklichkeit als Parteilichkeit für die Interessen der Herrschenden, das heißt in diesem Fall für die Interessen der Unternehmer gegen die Inter­essen der Lehrlinge.

Versucht man die Haltung der kirchlichen Gremien Duis­burgs gegenüber den aktuellen Lehrlingsproblemen einer

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kritischen Beurteilung zu unterziehen, so muß man fest­stellen, daß sie die sozialen wie bildungspolitischen Pro­bleme überhaupt nicht gesehen haben. Es kam kein einzi­ges Mal zu einer echten, sachlichen Diskussion über die­se Fragen. Die sogenannten „brüderlichen Gespräche“, die der Kreissynodalvorstand, meine Anstellungsbehör­de, mit mir führte, zielten auf Jlaw and order`. Nicht die Situation der Lehrlinge in der betrieblichen Ausbildung interessierte meine Dienstbehörde, sondern einzig und allein meine Person und meine politische Einstellung. Da die Mitglieder des Kreissynodalvorstandes großenteils mittelständisch-bürgerlicher Herkunft waren, gaben sie deutlich zu verstehen, daß ein Theologe bei allem sozial­politischen Engagement auch eine Fürsorgepflicht für die Handwerkerschaft habe! 66) Diese würde sonst auch noch ([) an der Kirche irre.

Falls ich nicht bereit sein sollte, meine aktive Unterstüt­zung der Lehrlingsaktionen einzuschränken, drohte man mir offen Sanktionen an.

Um die Arbeit der AULD nicht unnötig zu belasten, wur­de dieser Konflikt mit der Kirche nicht weiter ausgetra­gen. Ich selbst zog damals zunächst den Schluß daraus, daß politische Arbeit innerhalb und mit der Kirche ein unnötiger Kräfteverschleiß ist.

Trotz dieser persönlichen Schwierigkeiten mit meiner Kirchenbehörde, und trotz des Stillhalteabkommens der Gewerkschaften, hatten die Lehrlingsaktionen in Duisburg und die Veröffentlichung der Fragebogenergebnisse durch die Presse, die öffentliche Diskussion über die Lehrlings­situation angefacht.

Es bleibt nur zu hoffen, daß die Kirche sich in Zukunft dieser sozialen und politischen Fragen nicht verschließt, sondern sie zum Gegenstand ihrer sozialen Verantwor­tung macht.



Anmerkungen



61) Vgl. u.a. M. Baethge, aaO. ; Deutscher Bildungsrat. Zur Situation der Lehrlingsausbildung, aaO. ; W. Lempcrt/H. Ebel, aaO. ; G. Stütz, aaO. ; Fr. Nyssen, Schule im Kapitalismus, 1970.

62) Mit ein Grund für das vorsichtige Taktieren waren die Vorfälle in Essen, wo zwei ev. Beruf sschulpfarrer auf Betreiben des Bezirks-beauftragten versetzt wurden, weil sie sich aktiv für die Interes­sen ihrer Schüler eingesetzt hatten, vgl. E. T. Böttcher/Kl. Schmidt, An der Seite der Lehrlinge, in: akid Nr. 2/1969, 14-18.

63) Vgl. H. Giesecke u.a., Politische Aktion und politisches Lernen, 1970.

64) Vgl. u.a. WAZ vom 28. 2. 1970, „Überall im Revier proben Lehr­linge den Aufstand“.

65) Vgl. dazu: O. Jakobi/W. Müller-Jentsch/E. Schmidt, Gewerkschaf­ten und Klassenkampf, 1972; S. G. Papcke (Hg.), Anpassung oder Widerstand? Gewerkschaften im autoritären Staat, 1969; M. Schu­mann/Fr. Gerlach/A. Gschlössl/P. Milhofi’cr, Am Beispiel der September-Streiks - Anfang der Rekonstruktionsperiode der Arbei­terklasse?, 1971; E. Schmidt, Ordnungsi’aktor oder Gegenmacht. Die politische Rolle der Gewerkschaften, 1971; Fr. Deppe/Jutta v. Freyberg u.a. , Kritik der Mitbestimmung, Partnerschaft oder Klassenkampf’?, 1969.

66) Zum Verhältnis „Kirche und Handwerk“ demnächst vom Vf. in: Kirche und Klasscnbindung, hg. von Y. Spiegel, 1973.



Veröffentlichungen BRU-Magazin bis Heft 32/2000

Horstmann, Dietrich
Der Motorradfan
Ergebnisse der Studie "Jugend '81"
In: BRU o.Jg., 1985, H.2, S.20-22
Jugend Subkultur Politik Gruppe Religionsunterricht
134
Horstmann, Dietrich
Hoffnung auf Befreiung
theologische Perspektiven zum Thema Motorradfahren
In: BRU o.Jg., 1985, H.2, S.12-14
Jugend Befreiung Theologie Sozialethik Zukunft
135
Horstmann, Dietrich
Berufsbezug oder umfassende Handlungskompetenz?
der Beitrag des Religionsunterrichts in den Bildungsgängen der Teil
In: BRU o.Jg., 1999, H.30, S.39-43
Religionsunterricht Handlungsorientierung Kompetenz
136
Horstmann, Dietrich
Big Brother ... und raus bist Du!
In: BRU o.Jg., 2000, H.33, S.36-41
Jugendlicher Anerkennung Big Brother
137
Horstmann, Dietrich
Meine Ausbildung und mein Beruf
Kompetenzen erwerben mit Lebendigem Lernen (TZI)
In: BRU o.Jg., 1997, H.26, S.25-31
Themenzentrierte_Interaktion Ausbildung Beruf Arbeit
138
Horstmann, Dietrich
Das Thema: Erlebnis Technik und die biblischen Wunder
didaktische Vorüberlegungen
In: BRU o.Jg., 1999, H.31, S.18-25
Erlebnis Technik Wunder
139
Horstmann, Dietrich
Kirche, das ist ...
In: BRU o.Jg., 1985, H.3, S.8
Kirche
140
Horstmann, Dietrich
Verständlicher Haß
aber auf die Falschen
In: BRU o.Jg., 1992, H.17, S.18-19
Jugendlicher Haß
141
Horstmann, Dietrich
Wahrnehmen
berufsschulspezifisch
In: BRU o.Jg., 1994, H.21, S.10-11
Berufsschule Wahrnehmung
142
Horstmann, Dietrich
Aus der Geschichte
Traumdeutungen
In: BRU o.Jg., 1996, H.25, S.17
Traum Interpretation
143
Horstmann, Dietrich
Träume im Internet
ein Alptraum
In: BRU o.Jg., 1996, H.25, S.40
Neue_Medien Traum
144
Horstmann, Dietrich
Meine Ausbildung und mein Beruf
Kompetenzen erwerben mit Lebendigem Lernen (TZI)
In: BRU o.Jg., 1997, H.26, S.25-31
Berufsschule Religionsunterricht Themenzentrierte_Interaktion
145
Horstmann, Dietrich
Ausbildung rechnet sich
In: BRU o.Jg., 1997, H.26, S.41
Ausbildung Finanzen
146
Horstmann, Dietrich
Die Standortdebatte
Argumente und Gegenargumente
In: BRU o.Jg., 1997, H.26, S.38-39
Staat Sozialstaat Wirtschaft
147
Horstmann, Dietrich
"Alles Lüge, alles Betrug" als Thema im Unterricht
In: BRU o.Jg., 1998, H.29, S.10-11
Religionsunterricht Wahrheit Lüge
148
Horstmann, Dietrich
Das Thema "Lachen" im Unterricht
didaktische Einführung
In: BRU o.Jg., 2000, H.32, S.13
Lachen Didaktik

Islam

Erfahrungen mit interreligiösem Religionsunterricht - in der Kollegschule des Berufsschulwesens in NRW

Dietrich Horstmann - Erstveröffentlichung - umfangreicher in AIL - Arbeitsstelle Interkulturelles Lernen- Uni Duisburg

"Für jeden von euch haben Wir Richtlinien und eine Laufbahn bestimmt.
Und wenn Allah gewollt hätte, hätte Er euch zu einer einzigen Gemeinde gemacht.
Er wollte euch aber in alledem, was Er euch gegeben hat, auf die Probe stellen.
Darum sollt ihr um die guten Dinge wetteifern.
Zu Allah werdet ihr allesamt zurückkehren;
und dann wird Er euch das kundtun, worüber ihr uneins waret." KORAN [5:48]




1. Ausgangslage

Die ausländischen Schülerinnen und Schüler wollen an der berufsbildenden Schule von sich aus am RU teilnehmen.
Motive : Sich dazugehörig fühlen, Neugierde, z.T. Missionseifer, Stolz über die "überlegene" Religion
Die Ev. Kirche im Rheinland hat den RU grundsätzlich für alle SS geöffnet.

Wunsch meinerseits, den Islam etwas näher kennenzulernen. Alltag der Religion - weniger die "Theorie".

2. Das Experiment

Wir unterrichten an der Kollegschule oft im Klassenverband - interreligiös-kooperativ, weil die Schülerinnen das so wollen und weil eine Ersatzbelegung nicht greift. Ein Ersatzfach gibt es in NRW nicht.

Spezifikum: Auf Wunsch einer Gruppe habe ich zweimal halbjahrsweise muslimische bzw. aus dem islamischem Kulturkreis stammende Schülerinnen und Schüler alleine für sich unterrichtet - also ohne Schülerinnen und Schüler aus dem christlichen Kulturkreis.

Begründungen: Die Muslime kommen oft mit ihren speziellen religiösen Anliegen zu kurz. ( Analogie : Mädchen in Klassen mit Jungen ). Die "christlichen" SchülerInnen blocken religiöse Themen oft ab. Solange es keinen islamischen RU gibt haben die islamischen SchülerInnen m.E. ein Recht auf eigenen Untericht.

Erfahrungen bisher mit 2 Lerngruppen im Ausbildungsgang "Elektrotechnische Assistenten" ( ETA ) bestärkten mich, diesen Weg zu gehen, auch wenn Bedenken gegen eine dauerhafte Lösung bestehen. Der Eindruck von Bevorzugung könnte entstehen. Da katholischerseits die Konfessionalität enger gesehen wird, kommen wir als Evangelische in eine nicht immer angenehme Lage.

3. Legitimation durch die Richtlinien

Die Richtlinien in NRW ermöglichen handlungsorientiert zu arbeiten. Die Qualifikationen erweisen sich bis auf wenige für einen interreligiösen RU geeignet.


4. Spezielle Qualifikationen für den interreligiösen RU

1. Keine Missionierung, sondern Anhören des Anderen, auch wenn er Atheist ist
2. Wege finden, wie wir uns trotz gegensätzlicher, sich z.T. ausschließender Glaubensüberzeugungen

- einander überhaupt zuhören und Interesse an den anderen entwickeln
- den Dialog nicht aufgeben,
- den Willen zum Zusammenleben stärken
- und im Ernstfall für das Lebensrecht des anderen einzutreten.

Diese an sich selbstverständlichen Toleranzqualifikationen erweisen sich im Unterricht oft als die zentralen Ziele, weil die emotionale Besetztheit der Themen vor allem bei den Muslimen sehr hoch ist. Sie treffen genau in die Lebenslage zwischen den Kulturen und Religionen und sind oft mit heftigen und schmerzhaften Konflikten verbunden.

Insgesamt geht es darum in Lebenssituationen handlungskompetent zu werden. Zur Lebenssituation gehört aber die religiöse Situation besonders für die Muslime hinzu, gibt sie doch in der Unsicherheit vielen das Sicherheitsnetz zum Überleben.


5. Konkretes Aushandeln von Unterrichtsvorhaben

In diesem handlungsorientierten RU geht es darum, gemeinsam mit der Lerngruppe, die Unterrichtsvorhaben auszuhandeln. Dies geschieht je nach Situation ausgehend von einem Thema, einer Situation oder einer Qualifikation aus dem Qualifikationskatalog. Dabei sind aber alle drei Dimensionen immer miteinander in der Lerngruppe in einem offenen Diskurs miteinander zu vermitteln. Denn: Inhalte, Ziele und Lebensbezug gehören immer zusammen.

Die Unterrichtsvorhaben können je nach Lerngruppe größer oder kleiner sein und sehr unterschiedliche Form haben.

6. Beispiele für Unterrichtsvorhaben

1. Quiz zum Islam
2. Elemente für einen "Islamkoffer"
3. Besuch einer Moschee mit den ReligionslehrerInnen
4. Problemorientierte Themen

Beispiele


aus einer Lerngruppe - hier A41VF ( Elektrotechnische Assistenten in der Kollegschule ) - in Auswahl Schulhalbjahr 1996/97

- Texte zum Islamkoffer
- Erbakans Politik und die geopolitische Lage der Türkei ( Reisen Erbakans )
- Zukunft im Beruf
- als Türke hier - als "Deutsch-Türke" in der Türkei
- Studieren oder Ausbildung im Betrieb ?
- Verdienste - lohnt sich ein Studium ?
- Isaaks Opferung in Bibel und Koran - ein Vergleich
- Das Leben des Propheten ( Kritik an einem Text )
- Darstellung des Islam in einer Vorlesung ( Internet ) - Kritik an einem Skript
- Minaret mit Muezim in Duisburg ?
- Muslimische Jugendliche in Frankfurt ( FR 5.11.1996 )

7. Problemlagen

Aus dem Unterricht mit Mulimen ergeben sich Dilemmata, die nicht schnell auflösbar sind, sondern oft nur auszuhalten sind.

1. Ambivalenz gegenüber dem "fundamentalistischen" Islamismus :
Sicherheit oder Freizügigkeit
2. Radikalisierung durch die Lage als Ausländer oder der Wunsch sich zu integrieren
3. Korantreue - wörtliches Verstehen oder interpretierende Auslegung ?
4. Moralismus, "Werkgerechtigkeit" oder situationsabhängiges Handeln nach Werten
5. Antisemitismus oder Anerkennung als "Schriftbesitzer"
6. Antimodernismus oder Modernismus d.h. geschlossenes System vs offenes System
- arabische Identität oder Verwestlichung
- (türkisches) Nationalgefühl oder Amerikanismus
- Kollektive Identität oder Individualismus
- absolute Wahrheit oder Pluralismus
- zeitlose Wahrheit oder Historismus
- Wahrheitsanspruch oder Toleranz
- Scharia oder Menschenrechte
7. Traumata: Kreuzzüge, Osmanisches Reich, Großmachtträume, Nahostpolitik
8. Heiße Eisen : Kurden - Türken, Atatürk



8. Weitere Themen - problemorientiert - aus dem RU zusammen mit Nichtmuslimen

Mit - vorhandenem - Hass umgehen: Wie mache ich das?
Gewalt in der Jugendszene - Rassismus oder normales Verhalten von allen Jugendlichen?
Lassen sich Islam und moderne Technik vereinen? Stolz vs. Antimodernismus
Ist die Türkei eine Demokratie?
Die Kurdenfrage - oder: berechtigt der Koran zur Rache?
Ist die Türkei überhaupt eine Nation? Wenn ja, seit wann ?
Woran ging das Osmanische Reich zugrunde?
Umgang mit Minderheiten - nationale, religiöse: Was sagt der Koran dazu ?
Kann ein Moslem in Deutschland beerdigt werden?
Jungfäulichkeit - türkische oder islamische Moral ?
Kann man im Koran Zeitbedingtes vom Ewiggültigen trennen?
Zinsen, Abgaben, Kirchensteuer - Umgang mit Geld in den Religionen
Wer kommt noch ins Paradies, wo wir doch alle täglich die Vorschriften nicht einhalten?
Sich zu Fragen der Religion äußern - was ist erlaubt: - Kritik - Distanzierung - Ironie - Lachen - Satire?

Insgesamt gesehen ist die Haltung zur Aufklärung zumeist der Auslöser für solche Ambivalenzen und Konflikte. Das macht es oft schwierig, die für unsere Öffentlichkeit selbstverständlichen Formen von Kritik, Ironie oder gar Satire ( Harald Schmidt-Show z.B. ) einzubeziehen.





Anhang

Positionen ( nach H. Dreier, Amos 3/98 )

http://www.amos-blaetter.de

1. Sozialethische Zusammenarbeit : Vorurteile, soziale Gerechtigkeit
2. Abrahmitische Ökumene : Segen Abrahams und seiner Nachkommen gilt allen drei Religionen
3. Wahrheitsfrage:
- exklusiv
- inklusive
- pluralistisch


Dietrich Horstmann

Berufsbezug oder umfassende Handlungskompetenz

Berufsbezug oder umfassende Handlungskompetenz ?

Der Beitrag des Berufsschulreligionsunterrichtes in den Bildungsgängen der Teilzeitberufsschule des Berufskollegs

Diskussionsbeitrag von Dietrich Horstmann

In der Berufsbildungsdiskussion der letzten Jahre ist der „Berufsbezug“ neben „Handlungsorientierung“ zu einem der zentralen Begriffe geworden.
Der folgende Beitrag kann keine umfassende Analyse bieten. Er reflektiert auf der Basis der eigenen Realitätswahrnehmung als Berufsschulpfarrer in Duisburg die Situation. Dabei geht es zunächst um die Interessen, die dabei im Spiel sind. Sodann versuche ich im zweiten Teil definitorische Abgrenzungen zum Begriff "Berufsbezug". Aus den Richtlinien NRW wird deren Handlungsbegriff vorgestellt. Daran anschließend wird begründet warum "umfassende Handlungskompetenz" geeigneter scheint, die Didaktik der Berufsschule zu begründen. Dies mündet in Konsequenzen für den BRU. Abschließend wird versucht, theologische Begründungszusammenhänge für einen handlungsorientierten BRU anzudeuten.

1. Die Interessenlage

a. Die Auszubildenden
Erwerbstätigkeit ist für die Lebensplanung der meisten Jugendlichen von zentraler Bedeutung. Aber ein lebenslang ausgeübter Beruf gehört angesichts der ökonomischen Veränderungen immer weniger zum Kern ihrer Identität. Überhaupt Arbeit zu haben, hat Vorrang vor einem „Beruf“. Schon diese Relativierung des Berufes verbietet eine didaktische Einengung des BRU auf den Beruf. Das Leben der Auszubildenden umfaßt nicht nur den Beruf. Freizeit, Partnerschaft, Selbstkompetenz und Perspektivengewinnung sind ihnen ebenso wichtig. Die Auszubildenden würden deshalb " Berufsbezug" im engeren Sinne als primäre didaktische Leitlinie für den BRU ablehnen. Sie schätzen den "Freiraum" selbstbestimmten Lernens im BRU im Kontrast zum verweckten Lernen. Vor allem aber müssen sie sich ihre gesamte Lebenswelt angesichts der Vielfalt der Wahlmöglichkeiten selbst zusammenfügen; denn festgefügte Muster gibt es nicht mehr.

b. Die Schule
Die interessenpolitisch gesehen starke Stellung der „Wirtschaft“ drängt die Bildungsaufgabe der BS immer mehr an den Rand. Ein möglichst enger „Berufsbezug“ der Bildungsangebote scheint für die Schule ein Mittel zur Legitimation der Berufsschule gegenüber dem dualen Partner zu sein. Andererseits wissen Schulleitungen und Lehrkräfte, daß sie den Interessen der Betriebe nicht zu sehr entgegenkommen dürfen. Durch zu einseitigen Berufsbezug würde der Lernort Schule überflüssig. Dennoch ist die Bereitschaft, den umfassenderen Bildungsauftrag zurückzustellen bei Schulleitungen und -ministerien im Wachsen. Bei den Lehrerinnen und Lehrern ist dagegen ein Festhalten an der wissenschaftlich fundierten Fachlichkeit festzustellen: Dies richtet sich gegen einen zu engen Berufsbezug, aber vor allem gegen eine puristische Handlungsorientierung im Sinne von Produktorientierung.

c. Die Ausbildungsbetriebe
Unter Rationalisierungs- und Kostendruck verbunden mit kurzfristigem Gewinnstreben ist für viele - aber nicht für alle - Betriebe die Reduzierung der Schulzeiten wichtig. Obwohl alle seriösen Kostenrechnungen - auch aus der Wirtschaft belegen, daß Ausbildung sich langfristig "rechnet", schlägt das Streben nach sofort zu realisierenden Erträgen immer mehr durch. Mit dem Argument „Berufsbezug“ im Sinne von sofort verwertbarer Arbeitsleistung wird eine Reduzierung / „Verdichtung“ von Unterricht vor allem im berufsübergreifenden Bereich gefordert. Hier ist auch häufig vom „Praxisbezug“ die Rede, so als ob Praxis ohne Reflexion als solche eine bildende Funktion habe. Berufsbezug ist in diesem Kontext ein Kampfbegriff zur Sicherung ökonomischer Interessen vor allem beim traditionellen Handwerk und im Einzelhandel, die unter hartem Wettbewerbsdruck stehen und deshalb jede Arbeitsstunde der Auszubildenden zu benötigen meinen. In der Tendenz ist es also das Interesse, die Arbeit zu "entberuflichen" und auf "Jobs" zu reduzieren.

d. Die berufliche Bildung / Berufspädagogik
Von seiten der Wissenschaft im Berufsbildungsbereich, von den Spitzenorganisationen der Wirtschaftsverbänden und den Gewerkschaften wird mit dem Konzept der Handlungsorientierung eine Verknüpfung von beruflichen Handlungssituationen und schulischen Lernsituationen zum Erwerb von humanen, sozialen, fachlichen und methodischen Kompetenzen mit dem Ziel einer umfassenden Handlungskompetenz verfolgt. Dabei ist offen, an welchen Lernorten oder mit welchen Fächern diese Kompetenzen erworben werden.
Ob die Berufsschule dafür langfristig notwendig ist, ist umstritten, ebenso, ob es weiterhin Fächer geben soll. Vor allem der inhaltliche Beitrag von Deutsch, Politik, Religion und Sport steht immer wieder zur Debatte. Die Eingriffe der Wirtschaft in die Inhalte dieser Fächer mit dem Hinweis auf angeblich fehlenden Berufsbezug nehmen zu.

e. Politik
Die Debatte um den Berufsbezug in der Politik ist von der neoliberalen Globalisierungsdrohung einerseits und den steigenden Zahlen von Jugendlichen ohne Ausbildungsplatz bestimmt. Angesichts dieses Druckes geben die Parteien - in unterschiedlichem Ausmaß - immer mehr den Forderungen der Wirtschaft nach und kürzen den berufsübergreifenden Bereich zugunsten der berufsbezogenen Fächer. Die Organisation des Unterrichts wird "berufsbezogen" vorgenommen. Eine Sonderstellung nehmen die Grünen ein. Sie fordern eine fundierte Obligatorik in der Berufsschule in Abgrenzung von reinen Wirtschaftsinteressen, wollen aber den konfessionellen RU durch LER ersetzen. Die Programme, die den Jugendlichen Angebote zur Ausbildung und zum beruflichen Einstieg zu machen, sind weitgehend vom Erwerbssystem losgelöst. Sie zeigen die Dilemmata der Politik angesichts der Wandlungen im Beschäftigungssystem.

f. Kirche und Religionspädagogik
Die Ev. Kirche bietet ein uneinheitliches Bild, weil sie weder bildungspolitisch noch didaktisch abgestimmte und einheitliche Konzepte hat. Der „Orientierungsrahmen“ ist eine nicht verbindliche Arbeit der Religionspädagogischen Institute und der AEED und wirkt "überholt" ( 1991 ). Auf der Basis der Denkschriften, vor allem des Sozialwortes der Kirchen, müßte dringend ein Konsens gefunden werden, um den Stellenwert von Arbeit und Beruf und der Religion in der BS zu begründen. Dabei ist erstaunlich, daß die jüngste Denkschrift „Handwerk als Chance“, 1997, den Berufsschulreligionsunterricht überhaupt nicht erwähnt und weithin unktritisch konservative wirtschafts- und gesellschaftspolitische Vorstellungen der Handwerksverbände übernimmt.
Eine fundierte religionspädagogische Position muß den Beitrag des BRU zum Lebensraum „Beruf“ ebenso wie zu allen anderen Lebensräumen deutlich machen. Der Grundkonsens mit der Berufspädagogik und den KMK Vereinbarungen insgesamt scheint vorhanden: "Umfassende Handlungskompetenz" entspricht auch dem Anliegen der Religionspädagogik. Diesen Anspruch aber wird die Religionspädagogik nur im Verbund mit den anderen Fächern des berufsübergreifenden Bereichs leisten können.







2. Definitorische Abgrenzungen

Der Begriff „Berufsbezug“ ist nicht nur interessenpolitisch vielschichtig. Auch sachlogisch sind Abgrenzungen notwendig.
Ich unterscheide einen weiteren von einem engeren Berufsbezug: Also Bezüge zum Beruf an sich und Bezüge zum konkreten Ausbildungsberuf. Es ergeben sich dabei Überschneidungen, z.B. bei den biografischen und den individuellen Bezügen.
Die jeweils angeschlossenen Problemfragen versuchen in erster Linie mögliche Fragerichtungen der Auszubildenden oder Fragen, die ihre Interessen im Blick haben, aufzunehmen. Sie machen deutlich, daß der BRU von den Subjekten her denkt und damit die persönliche und soziale Handlungskompetenz im Kontext von "Beruf" im Blick hat und sich nicht primär an Prinzipien oder Bildungsgehalten, an beruflichen Handlungsfeldern oder an durch Ausbildungsordnungen festgelegten schulischen Bildungsgängen orientiert.

2.1 Bezüge zum Beruf an sich

Bei diesem weiteren Berufsbezug wird Beruf in einem größeren Kontext gesehen: Biografie, Gesellschaft, Wirtschaft und globale Situation.

Bezug zum Leben des Einzelnen ( Biografischer Bezug )

Hier geht es darum, welchen Stellenwert „Beruf“ überhaupt für die Lebensplanung haben kann.

- Inwieweit soll ich überhaupt einen Beruf lernen , wenn ich in meinen gewünchten Beruf sowieso keinen Ausbildungsplatz erhalte ?
- Wozu muß ich überhaupt arbeiten ? Es gibt angesichts der Knappheit von Erwerbsarbeit eine Fülle von Alternativen zum Beruf : Aussteigen - kriminell werden - Jobben - Lottoge- winn - Versorgung durch die Sippe - Schwarzarbeit - Ehrenamt.
- Warum soll ich mich für eine ohnhin ungewisse Zukunft quälen ? Spaß haben ist angesagt.
- Brauche ich für die Lebensplanung etwa zur Familiengründung einen Beruf ? Jobben reicht.
- Was leistet der Beruf für das persönliche Wachstum ? Welchen persönlichen Sinn bietet er ?
- Wie kann ich einen Beruf und meine Grundüberzeugungen, Glaube und eigene Ideale mit - einander vereinbaren ?
- Was bedeutet es für meine Lebensplanung, wenn Phasen beruflicher Tätigkeit und Phasen von Arbeitslosigkeit oder unbezahlter Familienarbeit einander ablösen ?

Bezug der Gesellschaft zum Beruf ( Sozialer Bezug )

Hier geht es darum, welchen Stellenwert „Beruf“ für den Staat und die Geselllschaft hat und umgekehrt, wie gesellschaftliche Veränderungen auf den Beruf zurückwirken.

- Wie wird angesichts des "Endes der Erwerbarbeitsgesellschaft" die Zukunft aussehen?
- Inwieweit ist die Verteilung von Reichtum noch an Arbeit und Leistung im Beruf gebunden ?
- Wie sieht eine gesellschaftsverträgliche Verteilung von Arbeit, Arbeitszeit und Freizeit aus ?
- Wie ist der Zugang zum Beruf für Männer und Frauen ?
- Wie wird mit Arbeitslosen umgegangen ?
- Inwieweit soll es eine für alle geltende arbeitsfreie Zeit geben ( Feiertag, Sonntag ) ?
- Wie werden unterschiedliche Interessen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern verhan- delt ?
- Inwieweit ist berufliche Bildung staatliche Aufgabe ?
- Wie soll die Altersversorgung geregelt werden ? Soll sie weiterhin überwiegend aus Erwerbs- arbeit erwirtschaftet werden ?

Bezug der Wirtschaft zu Beruf ( Ökonomischer Bezug )

Hier geht es um volkswirtschaftliche und betriebswirtschaftliche Bezüge des Berufs.

- Welchen ökonomischen Nutzen hat - geregelte - Berufstätigkeit für die Gesellschaft ?
- Inwieweit ist berufliche Bildung Aufgabe der Wirtschaft ?
- Welche Rahmenbedingungen für den Beruf sind für den wirtschaftlichen Erfolg notwendig ?
- Welches Entlohnungssystem ist ökonomisch und gesellschaftlich sinnvoll ?
- Wieviel Steuern sollen von wem aufgebracht werden ?
- Darf alles produziert werden, was möglich ist ( Produktethik ) ?

Weltweite Bedeutung von Beruf ( Globaler Bezug )

Hier geht es um die aus der globalen Situation sich ergebenden Bezüge des Berufs.

- Welche Bedeutung haben Berufe und deren Leistungen angesichts der „Globalisierung“ ?
- Wie sind die Probleme : Arbeitslosigkeit, Ausbeutung, Kinderarbeit, Benachteiligung der Frauen und die aus ihr folgenden weltweiten Probleme wie z.B. Migration zu lösen ?
- Welche religiösen und kulturellen Traditionen wirken auf den Beruf und das Berufssytem ein ?
- Welchen Beitrag leisten die Berufe zu Frieden, Gerechtigkeit, Schöpfung und Participation ?

2.2 Bezug zum konkreten Ausbildungsberuf

Hier geht es also um den jeweiligen Ausbildungsberuf des Auszubildenden und die betriebliche Realität. In diesem Sinne wird "Berufsbezug" zumeist gebraucht. Es handelt sich dabei um eine Engführung.

Bezug des Auszubildenden zum konkreten Beruf ( Individueller Bezug )

Hier geht es um den Berufsbezug der Auszubildenden im engeren Sinne in seiner Ausbildungssituation also die "Innenseite" des Erlebens im Beruf .

- Welchen Bezug zu meinem konkreten Ausbildungsberuf habe ich ? Wunschberuf ? Notberuf ?
- Welche persönliche Erfahrungen mache ich in meinem Ausbildungsberuf ?
- Was trägt meine Ausbildung zu meinem Selbstwertgefühl z.B. durch das verdiente Geld,
zur Bewährung meiner Fähigkeiten bei ?
- Wie gehe ich mit Versagen um ?
- Wie wehre ich mich gegen Mobbing ?
- Wie kann ich durch meinen Beruf meine Fachkompetenz und meine soziale Kompetenz
erweitern ?
- Wie kann ich in meinem Ausbildungsverhältnis "Chef/Chefin" meines Lebens bleiben/werden ?



Bezug zu den konkreten Berufsanforderungen ( Funktionaler Bezug )
Arbeitsplatzbezug / Ausbildungsbezug

Hier geht es um den Bezug zum konkreten Arbeitsplatz und seinen Anforderungen in der Ausbildung

- Inwieweit trägt meine Arbeit zur Verbesserung des Betriebsergebnisses bei ?Wem nutze ich ?
- Erhalte ich dafür angemessene Vergütung ?
- Ist mein Arbeitsplatz nur rein funktional oder nimmt er auf menschliche Bedürfnisse Rück- sicht ? Wieweit muß ich meine Persönlichkeit aufgeben ?
- Sind die Arbeitbedingungen sozial ?
- Welche Konflikte erlebe ich am Arbeitsplatz ?
- Wie sind die Beziehungen am Arbeitsplatz ? Habe ich Mitbestimmungsmöglichkeiten ?
- Welchen Platz in der Hierarchie des Betriebes nehme ich ein ?
- In welche moralischen Dilemmata führt mich die Ausbildung ?
- Kann ich etwas von meinen Idealen verwirklichen ?
- Was kann ich alleine oder mit anderen zusammen tun, um meine Situation zu gestalten ?



3. Umfassende Handlungskompetenz in beruflichen und außerberuflichen Situationen als Schlüssel für die berufliche Bildung und des Religionsunterrichtes

Zumeist wird Berufsbezug im engeren Sinne als rein funktionaler Bezug zu einen Arbeitsplatz / Ausbildungsplatz definiert. Zusammen mit dem Begriff im weiteren Sinne könnte "Berufsbezug" durchaus als ein Schlüssel der Berufspädagogik dienen.
Der so umrissene Berufsbezug im umfassenden Sinne blendet aber die anderen Lebenswelten der Auszubildenden aus: Freizeit, Partnerschaft, Familie, Wohnen, Konsum, Selbstfindung ...
Diese weiteren Lebenswelten sind aber aus der Sicht der Auszubildenden, einer ganzheitlichen theologischen Antropologie sowie der modernen Berufsbildung mindestens ebenso wichtig. Deshalb scheint es angebrachter zu sein, als Generalschlüssel für die Berufliche Bildung den Begriff der „umfassenden Handlungskompetenz in beruflichen und außerberuflichen Situationen" zu benutzen. Dabei ist mit "Situation" nicht nur das singuläre Erleben gemeint, sondern die jeweilige Lebenswelt und die Erfahrungen, die dort gemacht werden.

Als ein ausfgeführtes Beispiel dafür mögen die Richtlinien für NW 1995 - zur Erprobung unter der Bedingung der Einarbeitung des Berufsbezuges freigegeben 1998 - dienen. Sie definieren : „Diese Richtlinien nehmen die Überlegungen zur Entwicklung von Handlungskompetenz in der beruflichen Bildung auf. Unter Handlungskompetenz wird die Fähigkeit und Bereitschaft des Menschen verstanden, in beruflichen und außerberuflichen Situationen problemorientiert, sachgerecht und verantwortlich zu handeln. Dies wird in Qualifikationen beschrieben.
Unter Handlungskompetenz wird im Religionsunterricht die Bereitschaft und Fähigkeit verstanden, in (Lebens-)situationen ( also beruflichen und außerberuflichen ! )
authentisch,
angemessen,
kritisch,
solidarisch
und zukunftsoffen zu handeln.
Handeln ist hier weit gefaßt als inneres und äußeres christliches „Tun“. Dabei wird für den Religionsunterricht zwischen den Handlungsdimensionen Wahrnehmen, Kennen, Urteilen, Mitbestimmen und Hoffen unterschieden.
Lebenssituationen sind im Religionsunterricht unter religiöser Perspektive zu sehen. In diesen Richtlinien wurde dafür die eschatologische Perspektive der Verheißung gewählt. Sie soll die Bestimmtheit des Lebens von Gott, der in Lebenssituationen auf uns zukommt, ausdrücken.“
( Richtlinien Ev. Religionslehre für die Berufsschule, Soest, 1995 S . 14f )
Entgegen dem üblichen Sprachgebrauch werden hier bewußt die sonst rein funktional zu verstehenden „Qualifikationen“ auch für umfassendere persönliche „Kompetenzen“ angewandt. Eine genaue Aufteilung von bloß beruflich verwertbaren Fähigkeiten ( Ausbildung ) und darüber hinaus reichenden persönlichen und sozialen Befähigungen ( Bildung ) ist unmöglich. Insofern setzen sie einen umfassenden Begriff von Berufsbezug voraus. Sie gehen aber über diese berufliche Perspektive hinaus, weil die beruflichen Situationen ein zu begrenztes Lernfeld darstellen, um weiterreichende Handlungskompetenz zu erreichen.
Die Richtlinien sind also umfassend auf die gesamte Lebenwirklichkeit bezogen und verbieten eine Engführung auf „Berufsbezug“. Besonders wichtig ist dabei die Mitwirkung der Schülerinnen und Schüler bei der Konstruktion von Unterrichtsvorhaben: Mit ihnen zusammen sind Situation, Qualifikation und Themen miteinander im Diskurs zu vermitteln; denn sie sollen selbständig ihre Unterrichtsvorhaben aushandeln, weil es darum geht, daß sie sich selbständig in ihren Lebenswelten behaupten und Verantwortung übernehmen.

4. Konsequenzen für den BRU
Es geht also dem BRU um umfassende Handlungskompetenz in beruflichen und außerberuflichen Situationen. Dabei ist es durchaus wünschenswert, möglichst viele Kompetenzen an den beruflichen Handlungsfeldern zu orientieren und auf den Beruf bezogene Lernfelder zu finden. Konkrete Arbeits,- Ausbildungs- und Berufssituationen haben also Priorität auch für den BRU. Das bedeutet: Das Fach Religion wird sich nicht mehr isoliert legitimieren und durchführen lassen. Es hat sich noch mehr auf fächerübergreifendes Lernen einzustellen.
Wegen der Spezialisierung der Berufe und ihrer unterschiedlichen Nähe zur gesamten Realität des Lebens werden das Ausmaß und das Gewicht der beruflichen Situationen allerdings sehr unterschiedliche Berücksichtigung finden. Im sozialpädagogischen Bereich werden ganzheitliche Situationen eher anzutreffen sein als in Ausbildungsgängen für die industrielle Produktion. Ein ausschließlicher und oft krampfhaft gesuchter Berufsbezug verbietet sich also.
Der BRU kann sich darin aber nicht erschöpfen. .
Wie andere Fächer in beruflichen Schulwesen bearbeitet der BRU wegen seiner ganzheitlichen Orientierung auch Situationen in anderen Lebenswelten der jungen Generation ( z.B. Selbst- und Sinnfindung, Partnerschaft, Freizeit und Konsum, Gesundheit und Klärung religiöser Einstellungen und Haltungen... ). Diese haben zwar indirekt auch einen Bezug zum Beruf, weil sie die Stabilität und Leistung der Person wesentlich mitbestimmen, aber sie gehen darin nicht auf. Deshalb müssen in unterschiedlichem Umfang Lernsituationen hinzugenommen werden, die weder einen weiteren noch einen engeren Berufsbezug haben.
Vor allem aber muß gewahrt bleiben, daß die jungen Erwachsenen einen Lernraum behalten, in dem sie frei über Methoden, Inhalte und Ziele des Unterrichts (mit-)entscheiden können. Die Abmeldemöglichkeit schützt diesen Lernraum zur freien Konstruktion von alternativen Möglichkeiten, Probehandeln und Kreativität, offenem Austausch, Aneignung aktuellen Wissens jenseits von Vorgaben, Phantasie für Gegenwelten und selbstgewählten Projekten. Zweckfreies "Transzendieren" im wörtlichen Sinne ist ein wesentliches Proprium des BRU, das junge Erwachsene brauchen und gerne annehmen.

5. Theologische Begründungen für die "umfassende Handlungskompetenz"
Mit Blick auf den „Berufsbezug“ scheinen mir theologisch folgende Begründungszusammenhänge wichtig:
1. Unter der eschatologischen Perspektive der Verheißung sind Lebenssituationen immer schon bestimmt von Gott, der in Lebenssituationen auf uns zukommt. Deshalb sind sie als solche Gegenstand des BRU. Es gibt keine Lebensbereiche, die auszunehmen wären oder sich als besonders geeignet für den BRU erweisen.
2. In der unbedingten Annahme des Menschen durch Gott wurzeln Befreiung, Glück und Sinn des Lebens für sich und andere in Beruf und anderen Lebenwelten.
3. Der Wert und die Würde eines Menschen hängen nicht an dem Maß seiner beruflichen Leistungsfähigkeit. Beruf und Arbeit können also nicht alleine bestimmend sein.
4. Zur Handlungskompetenz aus christlicher Perspektive im Beruflichen gehören deshalb bewertende Handlungen ( Diskurse ) wie z.B. : Inwieweit entspricht der / mein Beruf der Verantwortung für die Befreiung des Menschen, seiner Würde und seinem persönlichen Wachsen ?
Oder z.B. im globalen Kontext : Wo fördert und wo hindert der Beruf den Einzelnen und das Berufssystem die Gesellschaft, zusammen mit anderen in Frieden, Gerechtigkeit und Schöpfungsgemäßheit zu leben ? Wie kann umfassende Teilhabe aller ermöglicht und erweitert werden ?
Aus theologischer Sicht kann also der BRU nicht affirmativ berufliche Praxis sanktionieren.
5. Im Interesse einer authentischen, angemessenen, kritischen, sozialen und zukunftsoffenen Kompetenz wird er auch Gegenwelten und Alternativen aufzeigen müssen: Er ist eben in allen Lebenssituationen letztlich auf sie Transzendierendes, das in dem Symbol "Gott" zusammengefaßt wird, bezogen und nicht auf den Beruf allein. Dieser Bezug auf "Gott" aber ist kein Bezug zu fertigen Antworten oder Wahrheits- oder Wertsystemen, sondern ein Angebot, sich im Kontext der vielfältigen Traditionen selbst eine Lebenswelt zu schaffen, die Zukunft eröffnet.

Für die konkrete Arbeit zum Thema Beruf im BRU verweise ich auf meinen Artikel : . Dietrich Horstmann, Meine Ausbildung und mein Beruf, Kompetenzen erwerben mit lebendigem Lernen (TZI ), in : Handbuch Religionsunterricht an berufsbildenden Schulen, Gütersloh 1997, S. 357ff
und das BRU - Magazin Nr. 26, "Thema:Arbeit" , 1997 .







Berufsbezug oder umfassende Handlungskompetenz ?

Dietrich Horstmann

 

Berufsbezug oder umfassende Handlungskompetenz?

Der Beitrag des Religionsunterrichts in den Bildungsgängen der Teilzeitberufsschule des Berufskollegs - ein Diskussionsbeitrag 

 

 

In der Berufsbildungsdiskussion der letzten Jahre ist der „Berufsbezug“ ne-ben „Handlungsorientierung“ zu einem der zentralen Begriffe geworden. 

Der folgende Beitrag kann keine umfassende Analyse bieten. Er reflektiert auf der Basis der eigenen Realitätswahrnehmung als Berufsschulpfarrer in Duisburg die Situation. Dabei geht es zunächst um die Interessen, die dabei im Spiel sind. Sodann versuche ich im zweiten Abschnitt definitorische Abgrenzungen zum Begriff „Berufsbezug“. Daran anschließend wird be-gründet, warum „umfassende Handlungskompetenz“ geeigneter scheint, die Didaktik des Berufskollegs zu begründen. Hier wird versucht, theologische Begründungszusammenhänge für einen handlungsorientierten Religionsun-terricht (RU) anzudeuten. Aus den Richtlinien NRW wird deren Hand-lungsbegriff vorgestellt. Dies mündet in Konsequenzen für den RU am Be-rufskolleg. 

 

1. Die Interessenlage

 

 

Die Auszubildenden

Erwerbstätigkeit ist für die Lebensplanung der meisten Jugendlichen von zentraler Bedeutung. Aber ein lebenslang ausgeübter Beruf gehört angesichts der ökonomischen Veränderungen immer weniger zum Kern ihrer Identi-tät. Überhaupt Arbeit zu haben hat Vorrang vor einem „Beruf“. Schon diese Relativierung des Berufs verbietet eine didaktische Einengung des RU auf den Beruf. Das Leben der Auszubildenden umfasst nicht nur den Beruf. Selbstkompetenz, Perspektivengewinnung, Partnerschaft und Freizeit sind ihnen ebenso wichtig. Auszubildende würden deshalb „Berufsbezug“ im engeren Sinne als primäre didaktische Leitlinie für den RU ablehnen. Sie schätzen den Freiraum selbstbestimmten Lernens im RU im Kontrast zum verzweckten Lernen. Vor allem aber müssen sie sich ihre gesamte Lebens-welt angesichts der Vielfalt der Wahlmöglichkeiten selbst zusammenfügen; denn festgefügte Muster gibt es immer weniger.

 

Die Schule

Die interessenpolitisch gesehen starke Stellung der Wirtschaft drängt die Bildungsaufgabe des Berufskollegs immer mehr an den Rand. Ein möglichst enger „Berufsbezug“ der Bildungsangebote scheint für die Schule ein Mittel zur Legitimation des Berufskollegs gegenüber dem dualen Partner zu sein. Andererseits wissen Schulleitungen und Lehrkräfte, dass sie den Interessen der Betriebe nicht zu sehr entgegenkommen dürfen. Durch zu einseitigen Berufsbezug würde der Lernort Schule überflüssig. Dennoch wächst die Bereitschaft, den umfassenderen Bildungsauftrag zurückzustellen, bei Schul-leitungen und -ministerien. Bei Lehrerinnen und Lehrern ist dagegen ein Festhalten an der wissenschaftlich fundierten Fachlichkeit festzustellen: Dies richtet sich gegen einen zu engen Berufsbezug, aber vor allem gegen eine puristische Handlungsorientierung im Sinne von Produktorientierung.

 

Die Ausbildungsbetriebe

Unter Rationalisierungs- und Kostendruck, verbunden mit kurzfristigem Gewinnstreben, ist für viele – aber nicht für alle – Betriebe die Reduzierung der Schulzeiten wichtig. Obwohl alle seriösen Kostenrechnungen – auch aus der Wirtschaft – belegen, dass Ausbildung sich langfristig rechnet, schlägt das Streben nach sofort zu realisierenden Erträgen immer mehr durch. Mit dem Argument „Berufsbezug“ im Sinne von sofort verwertbarer Arbeitsleis-tung wird eine Reduzierung und Verdichtung von Unterricht vor allem im berufsübergreifenden Bereich gefordert. Hier ist auch häufig von „Praxisbe-zug“ die Rede, so als ob Praxis ohne Reflexion als solche eine bildende Funktion habe. „Berufsbezug“ ist in diesem Kontext ein Kampfbegriff zur Sicherung ökonomischer Interessen vor allem beim traditionellen Hand-werk und im Einzelhandel, die unter hartem Wettbewerbsdruck stehen und deshalb jede Arbeitsstunde der Auszubildenden zu benötigen meinen. In der Tendenz handelt es sich also um das Interesse, die Arbeit zu entberuflichen und auf Jobs zu reduzieren.

 

Die berufliche Bildung / Berufspädagogik

Von Seiten der Wissenschaft im Berufsbildungsbereich, von den Spitzenor-ganisationen der Wirtschaftsverbände und von den Gewerkschaften wird mit dem Konzept der Handlungsorientierung eine Verknüpfung von beruf-lichen Handlungssituationen und schulischen Lernsituationen zum Erwerb von humanen, sozialen, fachlichen und methodischen Kompetenzen mit dem Ziel einer umfassenden Handlungskompetenz verfolgt. Dabei ist offen, an welchen Lernorten oder mit welchen Fächern diese Kompetenzen er-worben werden.

Ob das Berufskolleg dafür langfristig notwendig ist, ist umstritten, ebenso, ob es weiterhin Fächer geben soll. Vor allem der inhaltliche Beitrag von Deutsch, Politik, Religion und Sport steht immer wieder zu Debatte. Die Eingriffe der Wirtschaft in die Inhalte dieser Fächer mit dem Hinweis auf angeblich fehlenden Berufsbezug nehmen zu. 

 

Die Politik

Die Debatte um den Berufsbezug in der Politik ist von der neoliberalen Globalisierungsdrohung einerseits und den steigenden Zahlen von Jugendli-chen ohne Ausbildungsplatz bestimmt. Angesichts dieses Drucks geben die Parteien – in unterschiedlichem Ausmaß – immer mehr den Forderungen der Wirtschaft nach und kürzen den berufsübergreifenden Bereich zu Guns-ten der berufsbezogenen Fächer. Die Organisation des Unterrichts wird „berufsbezogen“ vorgenommen. Eine Sonderstellung nehmen die Grünen ein. Sie fordern eine fundierte Obligatorik im Berufskolleg in Abgrenzung von reinen Wirtschaftsinteressen, wollen aber den konfessionellen RU durch das Fach „Lebensgestaltung – Ethik – Religionen“ (LER) ersetzen. Die Vollzeit-Ausbildungs-Pogramme, die den Jugendlichen Angebote zur Aus-bildung und zum beruflichen Einstieg machen, sind weit gehend vom Er-werbssystem losgelöst. Sie zeigen die Dilemmata der Politik angesichts der Wandlungen im Beschäftigungssystem.

 

Die evangelische Kirche und die Religionspädagogik

Die evangelische Kirche bietet ein uneinheitliches Bild, weil sie weder bil-dungspolitisch noch didaktisch abgestimmte und einheitliche Konzepte hat. Der „Orientierungsrahmen“ ist eine nicht verbindliche Arbeit der religions-pädagogischen Institute und der Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Erzieher in Deutschland e. V. (AEED) und wirkt „überholt“ (1991). Auf der Basis der Denkschriften, vor allem des Sozialworts der Kirchen, müsste dringend ein Konsens gefunden werden, um den Stellenwert von Arbeit und Beruf und den der Religion am Berufskolleg zu begründen. Dabei ist erstaunlich, dass die jüngste Denkschrift „Handwerk als Chance“ (1997) den Berufsschulreli-gionsunterricht überhaupt nicht erwähnt und weithin unkritisch konserva-tive wirtschafts- und gesellschaftspolitische Vorstellungen der Handwerks-verbände übernimmt. 

Eine fundierte religionspädagogische Position muss den Beitrag des Religi-onsunterrichts zum Lebensraum „Beruf“ ebenso wie zu allen anderen Le-bensräumen der Auszubildenden deutlich machen. Der Grundkonsens mit der Berufspädagogik und den Vereinbarungen der Kultusministerkonferenz (KMK) scheint insgesamt vorhanden: „Umfassende Handlungskompetenz“ entspricht auch den Anliegen der Religionspädagogik. Diesen Anspruch aber wird die Religionspädagogik nur im Verbund mit den anderen Fächer des berufsübergreifenden Bereichs leisten können. 

 

2. Definitorische Abgrenzungen

 

 

Der Begriff „Berufsbezug“ ist nicht nur interessenpolitisch vielschichtig. Auch sachlogisch sind Abgrenzungen notwendig.

Ich unterscheide einen weiteren von einem engeren Berufsbezug: einerseits also Bezüge zum Beruf an sich und andererseits Bezüge zum konkreten Ausbildungsberuf. Es ergeben sich dabei Überschneidungen, z. B. bei den biografischen und den individuellen Bezügen. 

Die jeweils angeschlossenen Problemfragen versuchen in erster Linie, mögli-che Fragerichtungen der Auszubildenden oder Fragen, die ihre Interessen im Blick haben, aufzunehmen. Sie machen deutlich, dass der RU von den Sub-jekten her denkt und damit die persönliche und soziale Handlungskompe-tenz im Kontext des Berufs im Blick hat und sich nicht primär an Prinzipien oder Bildungsgehalten, an beruflichen Handlungsfeldern oder an durch Ausbildungsordnungen festgelegten schulischen Bildungsgängen orientiert.  

 

2.1   Bezüge zum Beruf an sich

 

Bei diesem weiteren Berufsbezug wird die Bedeutung des Berufs in einem größeren Kontext gesehen: Biografie, Gesellschaft, Wirtschaft und globale Situation. 

 

Bezug zum Leben des Einzelnen (biografischer Bezug)

Hier geht es darum, welchen Stellenwert „Beruf“ überhaupt für die Lebens-planung haben kann. 

Inwieweit soll ich überhaupt einen Beruf erlernen, wenn ich in meinem gewünschten Beruf sowieso keinen Ausbildungsplatz erhalte? Wozu muss ich überhaupt arbeiten? Es gibt angesichts der Knappheit von Erwerbsarbeit eine Fülle von Alternativen zum Beruf: aussteigen – kriminell werden – jobben – Lottogewinn – Versorgung durch die Sippe – Schwarzarbeit – Ehrenamt. Warum soll ich mich für eine ohnehin ungewisse Zukunft quä-len? „Spaß haben ist angesagt“. Brauche ich für die Lebensplanung, etwa zur Familiengründung, einen Beruf? „Jobben reicht“. Was leistet der Beruf für das persönliche Wachstum? Welchen persönlichen Sinn bietet er? Wie kann ich einen Beruf und meine Grundüberzeugungen, meinen Glauben und eigene Ideale, miteinander vereinbaren? Was bedeutet es für meine Lebens-planung, wenn Phasen beruflicher Tätigkeit und Phasen von Arbeitslosig-keit oder unbezahlter Familienarbeit einander ablösen?

 

Bezug der Gesellschaft zum Beruf (sozialer Bezug)

Hier geht es darum, welchen Stellenwert „Beruf“ für den Staat und die Ge-sellschaft hat – und umgekehrt: wie gesellschaftliche Veränderungen auf den Beruf zurückwirken. 

Wie wird angesichts des „Endes der Erwerbsarbeitsgesellschaft“ die Zukunft aussehen? Inwieweit ist die Verteilung von Reichtum noch an Arbeit und Leistung im Beruf gebunden? Wie sieht eine gesellschaftsverträgliche Vertei-lung von Arbeit, Arbeitszeit und Freizeit aus? Wie ist der Zugang zum Be-ruf für Männer und Frauen? Wie wird mit Arbeitslosen umgegangen? In-wieweit soll es eine für alle geltende arbeitsfreie Zeit geben (Feiertag, Sonn-tag)? Wie werden unterschiedliche Interessen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern verhandelt? Inwieweit ist berufliche Bildung staatliche Auf-gabe? Wie soll die Altersversorgung geregelt werden? Soll sie weiterhin überwiegend aus Erwerbsarbeit erwirtschaftet werden?

 

Bezug der Wirtschaft zum Beruf (ökonomischer Bezug)

Hier geht es um volkswirtschaftliche und betriebswirtschaftliche Bezüge des Berufs. 

Welchen ökonomischen Nutzen hat – geregelte – Berufstätigkeit für die Gesellschaft? Inwieweit ist berufliche Bildung Aufgabe der Wirtschaft? Wel-che Rahmenbedingungen für den Beruf sind für den wirtschaftlichen Erfolg notwendig? Welches Entlohnungssystem ist ökonomisch und gesellschaft-lich sinnvoll? Wie viele Steuern sollen von wem für die Berufsausbildung aufgebracht werden? Darf alles produziert werden, was möglich ist (Pro-duktethik)?

 

Weltweite Bedeutung von Beruf (globaler Bezug)

Hier geht es um die aus der globalen Situation sich ergebenden Bezüge des Berufs. Welche Bedeutung haben Berufe und deren Leistungen angesichts der „Globalisierung“? Wie sind die Probleme Arbeitslosigkeit, Ausbeutung, Kinderarbeit, Benachteiligung der Frauen und die aus ihr folgenden welt-weiten Probleme wie z. B. Migration zu lösen? Welche religiösen und kultu-rellen Traditionen wirken auf den Beruf und das Berufssystem ein? Welchen Beitrag leisten die Berufe zu Frieden, Gerechtigkeit, Schöpfung und Partizi-pation?

 

2.2 Bezug zum konkreten Ausbildungsberuf

 

Hier geht es um den jeweiligen Ausbildungsberuf der Auszubildenden und die betriebliche Realität. In diesem Sinne wird „Berufsbezug“ zumeist ge-braucht. Es handelt sich dabei um eine Engführung.

 

Bezug der Auszubildenden zum konkreten Beruf (individueller Bezug) 

Hier geht es um den Berufsbezug der Auszubildenden im engeren Sinne in ihrer Ausbildungssituation, also um die „Innenseite“ des Erlebens im Beruf. 

Welchen Bezug zu meinem konkreten Ausbildungsberuf habe ich? Ist es ein Wunschberuf oder ein Notberuf? Welche persönlichen Erfahrungen mache ich in meinem Ausbildungsberuf? Was trägt meine Ausbildung zu meinem Selbstwertgefühl, z. B. durch das verdiente Geld, und zur Bewährung mei-ner Fähigkeiten bei? Wie gehe ich mit Versagen um? Wie wehre ich mich gegen Mobbing? Wie kann ich durch meinen Beruf meine Fachkompetenz und meine soziale Kompetenz erweitern? Wie kann ich in meinem Ausbil-dungsverhältnis „Chef/Chefin“ meines Lebens bleiben oder werden?

 

Bezug zu den konkreten Berufsanforderungen (funktionaler Bezug), Arbeitsplatzbezug/Ausbildungsbezug

Hier geht es um den Bezug zum konkreten Arbeitsplatz und zu dessen An-forderungen in der Ausbildung. 

Inwieweit trägt meine Arbeit zur Verbesserung des Betriebsergebnisses bei? Wem nütze ich? Erhalte ich dafür angemessene Vergütung? Ist mein Ar-beitsplatz nur rein funktional oder nimmt er auf menschliche Bedürfnisse Rücksicht? Wieweit muss ich meine Persönlichkeit aufgeben? Sind die Ar-beitsbedingungen sozial? Welche Konflikte erlebe ich am Arbeitsplatz? Wie sind die Beziehungen am Arbeitsplatz? Habe ich Mitbestimmungsmöglich-keiten? Welchen Platz in der Hierarchie des Betriebs nehme ich ein? In wel-che moralischen Dilemmata führt mich die Ausbildung? Kann ich etwas von meinen Idealen verwirklichen? Was kann ich allein oder mit anderen zu-sammen tun, um meine Situation zu gestalten?

 

3. Umfassende Handlungskompetenz in beruflichen und außerberuf-lichen Situationen als Schlüssel für die berufliche Bildung und für den Religionsunterricht

 

 

Zumeist wird „Berufsbezug“ im engeren Sinne als rein funktionaler Bezug zu einem Arbeitsplatz/Ausbildungsplatz definiert. Zusammen mit dem Begriff im weiteren Sinne könnte „Berufsbezug“ durchaus als ein Schlüssel der Berufspädagogik dienen. 

Der so umrissene Berufsbezug im umfassenden Sinne blendet aber die ande-ren Lebenswelten der Auszubildenden aus: Selbstfindung, Partnerschaft, Familie, Wohnen, Freizeit, Konsum...

Diese weiteren Lebenswelten sind aber aus der Sicht der Auszubildenden, einer  ganzheitlichen theologischen Anthropologie sowie der modernen Berufsbildung mindestens ebenso wichtig. Deshalb scheint es angebrachter zu sein, als Generalschlüssel für die Berufliche Bildung den Begriff der „um-fassenden Handlungskompetenz in beruflichen und außerberuflichen Situa-tionen“ zu benutzen. Dabei ist mit „Situation“ nicht nur das singuläre Erle-ben gemeint, sondern die jeweilige Lebenswelt und die Erfahrungen, die dort gemacht werden. 

 

4. Theologische Begründungen für die „umfassende Handlungskom-petenz“

 

 

Mit Blick auf den „Berufsbezug“ scheinen mir theologisch folgende Begrün-dungszusammenhänge wichtig: 

• Unter der eschatologischen Perspektive der Verheißung sind Lebenssi-tuationen immer schon bestimmt von Gott, der in Lebenssituationen auf uns zukommt. Deshalb sind sie als solche Gegenstand des Religi-onsunterrichts. Es gibt keine Lebensbereiche, die auszunehmen wären oder sich als besonders geeignet für den RU erwiesen.

• In der unbedingten Annahme des Menschen durch Gott wurzeln Be-freiung, Glück und Sinn des Lebens für sich und andere in Beruf und anderen Lebenswelten.

• Der Wert und die Würde eines Menschen hängen nicht an dem Maß seiner beruflichen Leistungsfähigkeit. Beruf und Arbeit können also nicht alleine bestimmend sein.

• Zur Handlungskompetenz aus christlicher Perspektive im Beruflichen gehören deshalb bewertende Handlungen (Diskurse), wie z. B.: Inwie-weit entspricht mein Beruf der Verantwortung für die Befreiung des Menschen, seiner Würde und seinem persönlichen Wachsen? Oder z. B. im globalen Kontext: Wo fördern und wo hindern der Beruf den Ein-zelnen und das Berufssystem die Gesellschaft, zusammen mit anderen in Frieden, Gerechtigkeit und Schöpfungsgemäßheit zu leben? Wie kann umfassende Teilhabe aller ermöglicht und erweitert werden? Aus theo-logischer Sicht kann also der Religionsunterricht nicht affirmativ beruf-liche Praxis sanktionieren.

• Im Interesse einer authentischen, angemessenen, kritischen, sozialen und zukunftsoffenen Kompetenz wird der Religionsunterricht auch Gegenwelten und Alternativen aufzeigen müssen: Er ist eben in allen Lebenssituationen letztlich auf sie Transzendierendes, das christlich ge-sprochen im Begriff Gott zusammengefasst wird, bezogen und nicht auf den Beruf allein. Dieser Bezug auf Gott aber ist kein Bezug zu fertigen Antworten oder Wahrheits- oder Wertsystemen, sondern ein Angebot, sich im Kontext der vielfältigen Traditionen selbst eine Lebenswelt zu schaffen, die Zukunft eröffnet. 

 

5. Richtlinien für das Berufskolleg  – Evangelische Religionslehre 1995

 

 

Als ein ausgeführtes Beispiel für umfassende Handlungskompetenz stehen die Richtlinien NRW 1995. 1998 wurden sie zur Erprobung freigegeben unter der Bedingung der Klärung der Frage, „ob der Berufsbezug hinrei-chend deutlich dargestellt ist.“1)

„Diese Richtlinien nehmen die Überlegungen zur Entwicklung von Hand-lungskompetenz in der beruflichen Bildung auf. Unter Handlungskompe-tenz wird die Fähigkeit und Bereitschaft des Menschen verstanden, in beruf-lichen und außerberuflichen Situationen problemorientiert, sachgerecht und verantwortlich zu handeln. Dies wird in Qualifikationen beschrieben. 

Unter Handlungskompetenz wird im Religionsunterricht die Bereitschaft und Fähigkeit verstanden, in (Lebens-)Situationen (also beruflichen und außerberuflichen! D. H.) authentisch, angemessen, kritisch, solidarisch und zukunftsoffen zu handeln. 

Handeln ist hier weit gefasst als inneres und äußeres christliches „Tun“. Dabei wird für den Religionsunterricht zwischen den Handlungsdimensio-nen Fühlen, Kennen, Urteilen, Mitbestimmen und Hoffen unterschieden. 

Lebenssituationen sind im Religionsunterricht unter religiöser Perspektive zu sehen. In diesen Richtlinien wurde dafür die eschatologische Perspektive der Verheißung gewählt. Sie soll die Bestimmtheit des Lebens von Gott, der in Lebenssituationen auf uns zukommt, ausdrücken.“2)

Entgegen dem üblichen Sprachgebrauch werden hier bewusst die sonst rein funktional zu verstehenden „Qualifikationen“ auch für umfassendere per-sönliche „Kompetenzen“ verwendet. Eine genaue Aufteilung von bloß be-ruflich verwertbaren Fähigkeiten (Ausbildung) und darüber hinaus reichen-den persönlichen und sozialen Befähigungen (Bildung)  ist unmöglich. Inso-fern setzen sie einen umfassenden Begriff von Berufsbezug voraus. Sie gehen aber über diese berufliche Perspektive hinaus, weil die beruflichen Situatio-nen ein zu begrenztes Lernfeld darstellen, um weiter reichende Handlungs-kompetenz zu erlangen. 

Die Richtlinien sind also umfassend auf die gesamte Lebenswirklichkeit bezogen und verbieten eine Engführung auf „Berufsbezug“. Besonders wich-tig ist dabei die Mitwirkung der Schülerinnen und Schüler bei der Konstruk-tion von Unterrichtsvorhaben: Mit ihnen zusammen sind Situation, Quali-fikation und Themen im Diskurs zu vermitteln; denn sie sollen selbstständig ihre Unterrichtsvorhaben aushandeln, weil es darum geht, dass sie sich selbstständig in ihren Lebenswelten  behaupten und Verantwortung über-nehmen. 

 

6. Mögliche thematische Aspekte zum Thema Arbeit und Beruf im Religionsunterricht

 

 

Der Religionsunterricht hat schon immer Fragen des Berufs bearbeitet. Dabei hat er folgende thematische Aspekte aufgenommen3):

• Meine Berufswünsche in der Kindheit

• Meine Wege zum Ausbildungsberuf

• Eigene Motive (Wünsche, Träume, Erwartungen)

• Einflüsse von außen (Eltern, Schule ...)

• Hindernisse und eigene Schritte zur Ausbildung

• Meine Situation im Beruf als Auszubildende/r

• Meine Stärken und Schwächen für den Beruf

• Fachliche Qualifizierung – Leistung – Versagen

• Meine Kontakte zu anderen  – Kollegialität

• Konflikte mit anderen – Interessenvertretung

• Autorität – Anpassung – Gehorsam – Widerspruch

• Moralische Dilemmata

• Mein Status jetzt und der meines Berufs

• Vergütung – Geld

• Rahmenbedingungen beruflicher Arbeit: Organisation – Arbeitszeit – Urlaub

• Sinn der Arbeit – für mich, für andere

• Zukunftsperspektiven in und mit dem Beruf als ...

• Persönliche Perspektiven nach der Ausbildung

• Arbeitsmarktperspektiven im erlernten Beruf

• Zukunft der Arbeit und meine Zukunft

• Mein Beruf in der Perspektive meines Lebens

Im thematisch-problemorientierten Ansatz ist die Aufnahme von Problemen aus der Berufssphäre selbstverständlich. Lebendiges Lernen im Religi-onsunterricht am Berufskolleg hat aber alle Aspekte des Lebens im Blick und nicht nur den Beruf. 

 

 

 

 

 

7. Konsequenzen für den Religionsunterricht am Berufskolleg

 

 

Es geht also dem RU um umfassende Handlungskompetenz in beruflichen und außerberuflichen Situationen. Dabei ist es durchaus wünschenswert, möglichst viele Kompetenzen an den beruflichen Handlungsfeldern zu ori-entieren und auf den Beruf bezogene Lernfelder zu finden. Konkrete Ar-beits-, Ausbildungs- und Berufssituationen haben also Priorität auch für den RU. Das bedeutet: Das Fach Religion wird sich nicht mehr isoliert legiti-mieren und durchführen lassen. Es stellt sich noch mehr auf fächerübergrei-fendes Lernen ein. 

Wegen der Spezialisierung der Berufe und ihrer unterschiedlichen Nähe zur gesamten Realität des Lebens werden das Ausmaß und das Gewicht der beruflichen Situationen allerdings sehr unterschiedliche Berücksichtigung finden. Im sozialpädagogischen Bereich werden ganzheitliche Situationen eher anzutreffen sein als in Ausbildungsgängen für die industrielle Produk-tion. Ein ausschließlicher oder oft krampfhaft gesuchter Berufsbezug verbie-tet sich also. 

Der Religionsunterricht kann sich darin aber nicht erschöpfen. Wie andere Fächer im beruflichen Schulwesen bearbeitet der RU wegen seiner ganzheit-lichen Orientierung auch Situationen in anderen Lebenswelten der jungen Generation (z. B. Selbst- und Sinnfindung, Partnerschaft, Freizeit und Kon-sum, Gesundheit und Klärung religiöser Einstellungen und Haltungen ...). Diese haben zwar indirekt auch einen Bezug zum Beruf, weil sie die Stabili-tät und Leistungsfähigkeit der Person wesentlich mitbestimmen, aber sie gehen darin nicht auf. Deshalb müssen in unterschiedlichem Umfang Lern-situationen hinzugenommen werden, die weder einen weiteren noch einen engeren Berufsbezug haben. 

Vor allem aber muss gewahrt bleiben, dass die jungen Erwachsenen einen Lernraum behalten, in dem sie frei über Methoden, Inhalte und Ziele des Unterrichts (mit-)entscheiden können. Die Abmeldemöglichkeit schützt diesen Lernraum zur freien Konstruktion von alternativen Möglichkeiten, Probehandeln und Kreativität, offenem Austausch, Aneignung aktuellen Wissens jenseits von Vorgaben, Fantasie für Gegenwelten und selbst gewähl-ten Projekten. Zweckfreies „Transzendieren“ im wörtlichen Sinne ist ein wesentliches Proprium des RU, das junge Erwachsene brauchen und gerne annehmen.

 

 

Anmerkungen:

1) So der vorletzte Satz im Runderlass des Ministeriums für Schule und Weiterbildung von 1998 – 02-06, I C 6.36-10/2-50/97 –, der die Richtli-nien für drei Jahre in Kraft setzt.

2) 2.1 in: Richtlinien zur Erprobung für die Bildungsgänge der Berufskol-legs in NRW, Evangelische Religionslehre, Düsseldorf 1998, S. 15

3) vgl. auch Dietrich Horstmann, Meine Ausbildung und mein Beruf. Kompetenzen erwerben mit lebendigem Lernen (TZI), in: Handbuch Religionsunterricht an berufsbildenden Schulen, Gütersloh 1997, S. 357 ff

 

 

Dieser Artikel wurde erstmals abgedruckt in der Broschüre: Evangelische Kirche im Rheinland, Abteilung Erziehung und Bildung, „Berufsbezug im Religionsunterricht“, Düsseldorf 1999, S. 9–18

 

Weitere Aufsätze zum Thema Berufsbezug und praktische Beispiele in

 

Werner Läwen, Hans-Jürgen Pabst, Andrea A. Pabst-Dietrich (Hrsg.) Berufsbezug im Religionsunterricht der Berufsbildenden Schule

Quellen und Forschungen zum evangelischen sozialen Handeln – im Auftrag der Sozialwissenschaftlichen Studiengesellschaft – herausgegeben von Martin Cordes und Rolf Hüper

 

Herunterzuladen als pdf :  

http://www.fh-hannover.de/fileadmin/media/doc/bibl/blumhardtverlag/volltext/qf16.pdf

 

 

 

 

 

Ausbildung rechnet sich

Ausbildung rechnet sich

aus BRU 26

Für die Wirtschaft scheint es klar zu sein: Die eigentliche Schuldigen an der Ausbildungsplatzmisere sind die Auszubildenden selbst: Sie "verdienen" zu viel. Für die Großbetriebe, die nach dem Sharholder Value- Prinzip vorgehen, sind Auszubildende zu teuer. Aber auch die Kleinen stöhnen: " Zu teuer und : der zweite Berufsschultag muß ab dem 2. Ausbildungsjahr wegfallen."
Befragt man Auszubildende, dann ist es vor allem im Handwerk oder im Einzelhandel für sie klar: "Wir werden als billige Arbeitskräfte ausgenutzt." Wenn die Betrieb für uns Aushilfskräfte oder Ausgelernte einstellen müßten, dann käme sie das teurer, argumentieren sie. Auszubildende in Großbetrieben erkennen die Ausbildungsleistung ihrer Firma an, aber sie sagen auch: Die können sich dann die Besten aussuchen und weiterbeschäftigen. Die bringen ihnen dann die Ausbildungskosten schnell wieder rein.
Wer hat Recht ? Empirische Untersuchungen des BiBB und des Deutschen Instituts der Wirtschaft liegen vor, die uns - ein natürlich - differenziertes Bild liefern:

Die Studie des BiBB über "Betriebliche Kosten und Nutzen der Ausbildung" macht deutlich: Eine pauschale Antwort ist nicht möglich. Je nach Branche, Region und Betriebsgröße sind die Kosten verschieden. Auch die Berechnungsmethoden sind umstritten: Sollen alle Kosten des Betriebes mit eingerechnet werden ("Vollkosten" ) oder nur die real anfallenden Kosten für die Ausbildung ( "Teilkosten" ). Sollen drüberhinaus die durch Ausbildung ersparten Aufwendungen ( " Opportunitätskosten") für Personalsuche, Probezeiten, Einarbeitungskosten, Fehleinstellungen, Flukutuationskosten, Imagegewinn durch Ausbildung, usw. mit eingerechnet werden ? Zudem sind die Daten nur von den Betrieben erhältlich, also interessengeleitet "manipuliert". Angesichts dieser Lage wird man also kaum "objektive" Auskünfte erhalten.
Dennoch sind die Daten des BiBB ganz interessant:

Gesamtkosten Erträge Nettokosten

Insgesamt 18.051 DM 11.711 DM 6.340 DM

Industrie und Handel 20.508 DM 11.315 DM 9.194 DM
Handwerk 12.936 DM 12. 536 DM 400 DM

Bei den echten Kosten ( Teilkosten) ohne die Vorteile der Rekrutierung künftiger Arbeitskräfte kostet ein Azubi im Handwerk also nur 400 DM - ist also praktisch eine kostenlose Arbeitskraft an 134 Tagen im Jahr!
In Industrie und Handel müssen 9.194 DM netto pro Jahr aufgewendet werden. Das sind 966 DM pro Monat für eine "Arbeitskraft" die 119 Tage im Jahr betrieblich am Arbeitsplatz verbringt bei angenommenen 60 Tagen Berufsschule, 32 Tagen Urlaub, 9 Tage Krankheit und 7 Tagen externe Lehrgänge- so die statistische Berechnungsgrundlage.
Aus diesen Zahlen aber wird deutlich, warum die Betriebe ein Interesse haben, die verfügbare Zeit im Betrieb zu erhöhen: Das Handwerk könnte dabei erhebliche Gewinne machen und die anderen Bereiche würden kostenmäßig um etwa durchschnittlich 3000 DM pro Jahr entlastet. Dies immer auf der Basis der Zahlen, die aus der Wirtschaft selbst abgefragt wurden, gerechnet.
Es geht also bei der Kostenentlastung durch den Wegfall des 2. Berufsschultages (30 Tage ) um diese 3000 DM im Jahr.
Ähnliche Ergebnisse rrgibt eine Arbeitgeber-Studie von 1994 für die Elektroindustrie ( AEG ). Günter Cramer und Karlheinz Müller, Nutzen der betrieblichen Berufsausbildung, Köln 1994, haben errechnet, was eine Ausbildung wirklich bringt:

Gewerblich-technische Ausbildung ohne "Opportunitätskosten": 7228 - 17500 DM Kosten
Kaufmännische Ausbildung ohne "Opportunitätskosten": 7570 DM Erträge

Mit allen Vorteilen - auch nach der Ausbildung ( mit "Opportunitätskosten" ) :
rechnet sich die gewerbliche Ausbildung voll,
im kaufmännischen Bereich werden überwiegend Gewinne eingefahren.

Im Einzelnen: Bei einer gewerblich-technischen Ausbildung kostet also die Ausbildung im schlimmsten Fall Netto 17500 DM pro Jahr, wahrscheinlicher sind jedoch 7228 DM pro Jahr. Wenn die "Opportunitätserträge" hinzugenommen werden, dann ergibt sich im gewerblichen Bereich eine ausgeglichene Kosten-Nutzen- Rechnung: Also: die gewerbliche Ausbildung auch in der Großindustrie rechnet sich. Vor allem im kaufmännischen Bereich sind in den überwiegenden Fällen Nettoerträge von 7570 DM pro Jahr ( 26500 DM insgesamt für die Ausbildung ) möglich. In seltenen Fällen - worst case Annahme - sind 6000 DM pro Jahr an Kosten zu verzeichnen.
Das Fazit der Studie : Ausbildung lohnt sich in den überwiegenden Fällen für den Betrieb.
Um den Gewinn noch stärker zu maximieren, wird von Cramer/Müller gefordert: Senkung der Berufsschulzeiten mit gleichzeitigem Einfrieren der Ausbildungsvergütungen. Dies würde für auch für den Rest der Betriebe die Ausbildung rentabel machen.
Fazit: Ausbildung rechnet sich bei richtigem Mangement immer- so selbst die Arbeitgeber-Seite.
Die Untersuchung des Bundesinstituts ist dabei sogar vorsichtiger als die Studie der Wirtschaft.



Kommentar des Autors: Insgesamt scheint die Fähigkeit, längerfristig den Personaleinsatz zu planen, in der deutschen Wirtschfaft abhanden gekommen zu sein. Die Cash-sofort-Ideologie hat die Rationalität wirtschaftlichen Handeln vernebelt. Den Schaden hat vor allem die junge Generation.
Die überwiegend festzustellende "Ausbeutung" der Auszubildenden als billige Arbeitskraft soll nun durch weitere "Reformen" bei Berufsschulzeiten und Vergütungen verstärkt werden. Qualitätsabsenkungen sind die Folge. Die Programme "für ein unternehmerfreundliches Ausbildungsumfeld" ( z.B. IHK Nordrhein-Westfalen ) bemänteln die eigene Habsucht mit qualitativen Forderungen zur Verbesserung des Berufsschulunterrichtes: Mehr Fremdsprachen, Human- und sozialkompetenzen, neue Technologien (Computer)... Wie soll aber die Schule bei weniger Stunden diese Forderungen erfüllen?
So schafft man Verhältnissse wie sie 68 herrschten. Die Zeit der Lehrlingsdemos könnte so schneller kommen als manche einer sich vorstellen kann. Es fehlt nur eine gute Organisationsbasis. ( s. Heitmeyer-Studien, Bielefeld ).
Dietrich Horstmann









Arbeitsblätter in BRU



Arbeitsblätter BRU




Fragebogen


Heft 20 - Meditation
Weichen Situationen. Arbeitsblatt
Lebensauffassungen. Arbeitsblatt
Vom Beten Das Vaterunser. Arbeitsblatt

Heft 21 - Wahrnehmen
bsteinschätzung / Fremdeinschätzung. Arbeitsblatt (BRU Kopiervorlage)



Heft 25 - Träume
Träume (BRU Kopiervorlagen)
Traumtagebuch (BRU Kopiervorlage)

Heft 26 - Arbeit
Handlungsdimensionen und Qualifikationen. Arbeitsblatt
Die Arbeiter im Weinberg (BRU Kopiervorlage)
Mein Alltag (BRU Kopiervorlage)
Wozu arbeite ich? (BRU Kopiervorlage)
Wolfgangs Dilemma (BRU Kopiervorlage)
Sonntagsarbeit bei CompuCAD? (BRU Kopiervorlage)
Die Geschichte vom Tal (BRU Kopiervorlagen)

Heft 27 - Die Zehn Gebote
Die Zehn Gebote. Arbeitsblätter (BRU Kopiervorlage)

Heft 28 - Fußball
Fußball-Talente (BRU - Kopiervorlage)
Mein Fußball / meine Religion gibt mir ... (BRU - Kopiervorlage)
Fußball und Religion (BRU - Kopiervorlage)
Fußballethik: Faiplay lohnt sich ... (nicht)!? (BRU - Kopiervorlage)
Haß auf Fußball (BRU - Kopiervorlage)
Sprüche und Songs von Fußballfans (BRU - Kopiervorlage)
Frauen und Fußball (BRU - Kopiervorlage)

Heft 29 Alles Lüge
Wer angibt, hat mehr vom Leben! Die Phrasen-Dresch-Maschine
Wahrheit oder Lüge? (BRU - Kopiervorlage)
Alles Lüge - alles Betrug!? Eine Bestandsaufnahme über meine Wertvorstellungen (BRU - Kopiervorlage)
Selbsterforschung. Ich als Lügner oder Betrüger (BRU -Kopiervorlage)
»Endlich raus aus dem Reservat?!« (BRU - Kopiervorlage)
Lügner und Betrüger in der Bibel (BRU - Kopiervorlage)
Wahr oder unwahr? (BRU - Kopiervorlage)
Alles erstunken und erlogen? Die Weihnachtsgeschichte des Lukas unter der Lupe (BRU -Kopiervorlage)
Gewinn- und Verlustrechnung (BRU - Kopiervorlage)
Lügen - ein Mittel zum persönlichen Wachstum? (BRU - Kopiervorlage)
Wertequadrate. Eine Alternative zur Schwarz-Weiß-Malerei (BRU - Kopiervorlage)

Heft 30 - Geld
Money, Money ... (BRU - Kopiervorlage)
Ja, wenn ich einmal reich wäre ... (BRU - Kopiervorlage)
Geld zum Leben (BRU - Kopiervorlage)
Internationales Insolvenzverfahren. Modell für die Entschuldung der Entwicklungsländer (BRU - Kopiervorlage)
Die kleine rote Henne (BRU - Kopiervorlage)
Wirtschaftsethisches in der Bibel (BRU - Kopiervorlage)
Schulden, Ratenzahlungen und Co (BRU - Kopiervorlage)
Was ein KFZ-Auszubildender kostet (BRU - Kopiervorlage)
Diebstahl (BRU - Kopiervorlage)

Heft 31 - Wunder - Technik - Erlebnis
Erlebnismilieus (BRU - Kopiervorlage)
Mein Alltag und Technik (BRU - Kopiervorlage)
Was für ein »Typ« sind Sie? (BRU - Kopiervorlage)
Vom Erlebnis zur Erfahrung (BRU - Kopiervorlage)
Projektidee »... dann höre ich Musik« (BRU - Kopiervorlage)
Psychographics - so sieht RTL seine TV-Konsumenten (BRU - Kopiervorlage)




Heft 33 - Zärtlichkeit
Streicheleinheiten. 9 Ansichten über Zuwanderung (BRU - Kopiervorlage)
Erziehung zur Distanz (BRU - Kopiervorlage)
Kontakte und die Zeit für Zärtlichkeit (BRU - Kopiervorlage)
Big Brother - nur ein event? (BRU - Kopiervorlage)
Big Brother - ein modernes Kloster? (BRU - Kopiervorlage)
Big Brother is watching you. Mein persönlicher Big Brother - ein Selbst- und Partnergespräch (BRU - Kopiervorlage)
Big Brother. Aufruf zur Nominierung in der Schule (BRU - Kopiervorlage)




Meine Ausbildung und mein Beruf

Meine Ausbildung und mein Beruf
Kompetenzen erwerben mit Lebendigem Lernen (TZI)

Handlungsorientiertes Lernen


Im BRU geht es um den Erwerb von Kompetenzen, in beruflichen „Lebenssituationen authentisch, angemessen, kritisch, solidarisch und hoffend zu handeln“ (Richtlinien, S. 13). „Lebendiges Lernen“, eher bekannt unter der Bezeichnung „Themenzentrierte Interaktion“ (TZI; Cohn 1974), eignet sich dafür in besonderem Maße.
In der TZI sind äußere und innere Realität Ausgangs- und Zielpunkt. Ausbildung und Beruf sind für die Mehrzahl der Auszubildenden zentraler Lebensinhalt. Die Tatsache, schon im Berufsleben zu stehen und Geld zu „verdienen“, vermittelt ihnen ein starkes Gefühl des Selbstwerts gegenüber anderen Gleichaltrigen. So ist der Beruf für 84 % der berufstätigen Jugendlichen Hauptbezugspunkt ihres Lebens. Dabei sind 31 % ausgesprochen berufsorientiert, 30 % „ausbalanciert“ zwischen Arbeit und Freizeit, 23 % „familienorientiert“ (13 % der männlichen, 34 % der weiblichen Jugendlichen) und nur 16 % „freizeitorientiert“ mit „relativ hoher Distanz zur Arbeit“ (Baethge 1988, S. 70f). Dies bedeutet, daß sie in der Phase der Umorientierung ihrer Identitätskonzepte starkem Entscheidungs- und Verantwortungsdruck ausgesetzt sind und sein wollen (Kryszon 1991). Sie geraten in Konflikte zwischen eigenen Bedürfnissen und fremden Interessen, Lebenskonzepten und moralischen Ansprüchen, Traum und Realität, Allmachtsphantasien und Ohnmachtsgefühlen. „Widersprüche und Brüche im Prozeß der Identitätsfindung“ (Grösch 1987) sind aufzulösen oder auszuhalten. Durch zunehmende Technisierung steigen die fachlichen Anforderungen. Eine stabile Persönlichkeit, Verantwortungsbereitschaft und Kooperationsfähigkeit in Teams werden verlangt. Diese bisher „extrafunktionalen“ Qualifikationen werden zunehmend zu „Schlüsseln“ für den Eintritt in die Erwerbsarbeit und darüber hinaus. Die bisherigen Konzepte der Lebensbewältigung reichen nicht mehr aus. So werden Lernprozesse notwendig, die - ganzheitlich und konkret - fachliche, persönliche und soziale Aspekte miteinander verbinden und thematisieren. (è Bader; Henn)
Dies umzusetzen bietet sich die TZI an. In ihr wird die Balance von Thema, Person und Gruppe unter Berücksichtigung der spezifischen Rahmenbedingungen (Globe) mit dem Ziel der „Selbstmächtigkeit“ in Kooperation und in Verantwortung (Chairperson) lebendig erlebt und gelernt.


Schaubild 8: TZI-“Globe“ in GrundformTZI ist zunächst eine Methode des Lernens in Gruppen (Interaktionsmodell). Mit den Postulaten „Sei Deine eigene Chairperson“ und „Störungen haben Vorrang“, in Verbindung mit Hilfsregeln, bietet die TZI ein Ausbildungskonzept. Mit Hilfe unterschiedlicher Verfahren je nach beruflicher Verwendung soll das flexible Ausbalancieren von Sache, Person und Gruppe, unter Berücksichtigung von Rahmenbedingungen, erlernt werden. Dementsprechend kommen therapeutische, gruppendynamische (è Autschbach: Gruppenarbeit), rollen- und spielpädagogische (è Pantel) sowie schulpädagogische Methoden zum Einsatz. Dabei ist der Bezug auf die jeweilige Situation („hier und jetzt“, aber auch „einst und dann“) wichtig.
Dieses (technische) Interaktionsmodell erhält seine Füllung durch wertsetzende Axiome und Postulate. Mit ihnen soll aus der Bewußtheit für die „Autonomie“ und für die kosmische „Interdependenz“ die Haltung der Ehrfurcht, des Respekts, der Anteilnahme und die Bereitschaft zum Engagement für alles Lebendige und sein Wachstum gestärkt werden (Cohn 1974).
In diesen Wertsetzungen zeigen sich Parallelen zwischen TZI und wesentlichen Inhalten der jüdisch-christlichen Tradition, sie eignet sich also auch für den RU (Stollberg 1982, S. 146ff) und für die Unterrichtsplanung überhaupt (Schulz 1981).
Die Umsetzung von TZI erfordert eine entsprechende Ausbildung. In ihr lernen die Leitenden der Lerngruppen die Kompetenz der „teilnehmenden Leitung“. Damit sollen Grenzen zwischen Lehrperson und Lernenden aufgehoben werden, ohne Leitungsverantwortung aufzugeben („selektive Authentizität“). Diese „Schulung“ sollte durch eine berufsbegleitende Supervision ergänzt werden, damit die Qualifikation erhalten bleibt.

Themen eines Curriculums nach TZI

Nach meinen Erfahrungen ergeben sich folgende thematischen Aspekte zum Themenfeld „Meine Ausbildung und mein Beruf“:
- Meine Berufswünsche in der Kindheit
- Meine Wege zum Ausbildungsberuf
- eigene Motive (Wünsche, Träume, Erwartungen)
- Einflüsse von außen (Eltern, Schule ...)
- Hindernisse und eigene Schritte zur Ausbildung
- Meine Situation als Auszubildende/r
- Meine Begabungen und Schwächen
- Fachliche Qualifizierung - Leistung - Versagen
- Meine Kontakte zu anderen - Kollegialität
- Konflikte mit anderen - Interessenvertretung
- Autorität - Anpassung - Gehorsam - Widerspruch
- Mein Status jetzt und der meines Berufes
- Vergütungen - Geld
- Rahmen: Organisation - Arbeitszeit - Urlaub
- Sinn der Arbeit - für mich, für andere
- Zukunftsperspektiven in und mit dem Beruf als ...
- persönliche Perspektiven nach der Ausbildung
- Arbeitsmarktperspektiven im erlernten Beruf
- Zukunft der Arbeit und meine Zukunft
- Mein Beruf in der Perspektive meines Lebens
Diese Themen geben den größeren Sachzusammenhang an und enthalten erste „Engführungen“ (Mein ...). Ihre spezifische TZI-Färbung erhalten sie durch eine sorgfältige Formulierung. Dabei werden Sachaspekt, Personenbezug, Gruppenorientierung und globaler Bezugsrahmen möglichst konkret und sprachlich angemessen auf die Situation in der Lerngruppe hin zugespitzt.
Im „handlungsorientierten Lernen“ (è Bader; Henn) sind die Themen Angebote, die von den LER gewählt oder im Prozeß des Lernens gewünscht werden. Insofern ist die obige Auflistung kein geschlossenes Curriculum, sondern ein thematischer Rahmen.

Elemente für das Curriculum nach TZI

Der Einsatz der folgenden Elemente hängt vom Maß an Vertrautheit mit und innerhalb der Lerngruppe ab. Die folgenden zwölf Beispiele sind zumeist einzeln zu verschiedenen situativen Anlässen eingesetzt worden: Zu Beginn des BRU, nach dem 1. Jahr, vor der Zwischenprüfung, am Ende der Ausbildung: wenn in der Lerngruppe das Thema „dran“ war. Sequenzen aus mehreren Elementen dauern etwa vier Unterrichtswochen. Alle Beispiele sind (mit wechselndem „Erfolg“) unterrichtlich erprobt. Sie werden unterschiedlich ausführlich vorgestellt, weil manches als bekannt vorausgesetzt werden kann.

Mein Traumberuf - einst und jetzt

Schaubild 9: TZI-“Globe“: Meine Ausbildung

Auswertung: 1. Gemeinsamkeiten - Unterschiede 2. Ich gebe meiner Ausbildung eine Note (von 1 - 6) 3. Was ist typisch, was speziell für meine Situation?
Ziel: Urteilskompetenz erwerben

Veränderungswünsche

TZI-Thema: „Mir gefällt einiges nicht in meiner Ausbildung - was ärgert mich - worüber will ich mich beschweren - was wünsche ich mir - wie will ich diesen Wunsch zum Ausdruck bringen?“
1. Schritt: Fragenbogen (im Anschluß an Vopel, 1981, S. 139ff): Was ärgert mich in Bezug auf Vorgesetzte, Kollegen, Arbeitsbedingungen, Zeitgestaltung, Organisation, Entgelt, fachliche Förderung, meine Tätigkeiten ...? 2. Schritt: Meine wichtigste Beschwerde formulieren (z.B.: „Ich lerne nichts“). 3. Schritt: Meine Forderung benennen (z.B.: „Ich will, daß mein Chef mir echte Aufgaben gibt und mir gründlich erklärt“). 4. Schritt: Was kann ich allein - mit anderen - tun, um über meine Hauptforderung in Verhandlungen einzutreten?
Ziel: 1. Frust über Mißstände in der Ausbildung artikulieren. 2. Wünsche, Anregungen, Forderungen präzisieren. 3. Handlungsschritte allein oder mit anderen planen und probieren.

Konflikte

Fächerübergreifendes Simulationsspiel: Kaufhaus hält Ausbildungsplan nicht ein - Auszubildende verweigert Arbeitsaufnahme. Dauer 3 - 4 Doppelstunden.
Einstieg: Reißerischer BILD-Titel „Fauler Lehrling“. Aufgewiegelt durch einen Gewerkschaftsfunktionär weigert sich Brigitte Z., die ihr aufgetragene Arbeit im Lager aufzunehmen. Es ist ihr einfach zu lästig, dort zu arbeiten. Ihr Chef: „Wo kämen wir denn hin, wenn wir so etwas einreißen ließen ...!?“ Das Kaufhaus kündigt ihr wegen Arbeitsverweigerung. Fachleute: „Die Jugend von heute hat immer weniger Bock auf Arbeit. Sie ist verwöhnt ...“
Der wahre Sachverhalt: Die Auszubildende - 1. Jahr - arbeitete vom 1.1. bis zum 30.4. im Lager. Sie hätte laut Ausbildungsplan ab 1.4. im Verkauf Damenoberbekleidung ausgebildet werden sollen. Das geschieht nicht. Brigitte Z. weigert sich, die Arbeit im Lager fortzusetzen. Der Ausbildungsleiter schickt sie nach Hause: „Ihr Ausbildungsverhältnis ist mit sofortiger Wirkung beendet.“
Am Simulationsspiel Beteiligte: Die Betroffene (Mitglied in der Gewerkschaft), die Jugendvertretung/der Betriebsrat, das örtliche Büro der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV), die Kaufhausleitung, die Industrie- und Handelskammer (IHK), die Eltern, die Presse ...
Planungsphase: Entsprechende Gruppen werden gebildet. Je nach Informationsstand werden Informationen zu Gesetzen und zu Rollen bei den Institutionen erkundet, erarbeitet oder vorgegeben.
Durchführung des Spiels: Schriftwechsel zwischen den beteiligten Gruppen. Alle Informationen gehen über die „Pressestelle“ (Lehrperson macht hier mit). Die Pressestelle sammelt die Korrespondenz, hilft - in der Rolle bleibend - bei Stockungen vorsichtig nach, beobachtet und kommentiert später den Verlauf.
Auswertung: Wie habe ich mich in meiner Rolle gefühlt?
Welche Schwierigkeiten hatte ich, hatten wir?
Wie würde der Konflikt in der Realität gelöst? Wie könnte er fair durchgeführt werden und „gerecht“ ausgehen? (è Rath)
Feed Back: Ich habe gelernt ...
Ziele: 1. Einen Konflikt wahrnehmen. 2. Für unterschiedliche Interessen sensibel werden. 3. Einen Konflikt fair austragen. 4. Eigene und fremde Wertvorstellungen artikulieren. 5. Konstruktive Lösungen auf der Grundlage von rechtlichen Vorgaben suchen.

Sinn und Zweck meiner Arbeit in meinem Beruf
TZI-Thema : „Meine Ziele bei meiner Tätigkeit in meinem Beruf - welche habe ich - welche möchte ich verändern - welche Schritte will ich dazu tun?“
Einstieg: Arbeitsblatt „Wozu arbeite ich?“

Arbeitsblatt 1: „Wozu arbeite ich?“


WOZU ARBEITE ICH ?

Im Folgenden sind einige Ziele und Zwecke angegeben, die wir mit unserer Arbeit verfolgen können. Lesen Sie bitte den Katalog in aller Ruhe durch und
versuchen Sie sich klarzumachen, was gemeint ist.

ICH WILL IN MEINEM ERLERNTEN BERUF ARBEITEN ....

1. –um die Anerkennung anderer zu gewinnen.
Ich möchte, daß sie meine Tüchtigkeit und meine Arbeitsergebnisse anerkennen.
2. – um die Bewunderung anderer zu erringen.
Ich möchte, daß andere über meine Arbeit staunen und mich „toll“ finden.
3. – um auf mich stolz zu sein.
Ich möchte sagen können: „ Das ist mein Werk. Das habe ich geschaffen.“
4. – um mich selbst zu bestrafen.
Ich sage innerlich zu mir: „Wenn ich hart genug arbeite und mich quäle, dann muß ich mich nicht schuldig fühlen.
5. – um den Kontakt mit anderen zu genießen.
Ich komme dann von zu Hause weg und kann unter meinesgleichen sein.
6. – um einen bestimmten Lebensstandard zu erreichen.
Mit dem Verdienst kann ich mir Dinge leisten, die mir wichtig sind.
7. – um mich berühmt zu machen.
Ich möchte, daß man von mir noch lange spricht, weil ich eine wichtige Leistung vollbracht habe ( Erfindung, Entdeckung ).
8. – um zu überleben.
Ich möchte durch meine Arbeit soviel verdienen, daß ich genug zu essen und ein Dach über dem Kopf habe.
9. – um „Gewinner“ zu sein.
Ich möchte besser sein als andere und meine Konkurrenten überflügeln.
10. – um eine feste Ordnung in meinem Leben zu haben.
Ohne einen festen Rahmen würde ich vergammeln und mich langweilen.
11. – um meine Neugier und meine Lust an der Abwechslung zu befriedigen
Mir liegt es, neue Ideen und Projekte anzukurbeln. Sie können dann ruhig von anderen zu Ende geführt werden.
12. – um nicht auf trübe Gedanken zu kommen.
Ohne Arbeit würde ich stumpfsinnig, deprimiert herumsitzen und nichts tun.
13. – um mich sicher zu fühlen.
Ich fühle mich sicher, wenn andere mir Aufgaben geben und ich nicht voll verantwortlich bin.
14. – um Einfluß zu haben.
Ich lasse mir nicht gerne was vorschreiben. Ich fühle mich wohl, wenn ich anderen zeigen kann, wo es lang geht. Ich führe gerne andere.
15. – um etwas Sinnvolles zu tun.
Ich möchte, daß meine Arbeit etwas Sinnvolles für die Menschen hervorbringt.
16. – um mit meinen Gaben anderen zu dienen.
Ich möchte die mir anvertrauten Kräfte verantwortlich einsetzen.

1. Kreuzen Sie die Punkte an, die mehr oder weniger auf Sie zutreffen.
2. Bringen Sie die angekreuzten Punkte in eine Reihenfolge.3. Welche der angekreuzten Einstellungen möchten Sie beibehalten, verstärken oder abschwächen oder aufgeben ?4. Gibt es innere Einstellungen in der Liste, die Sie gerne erlernen möchten ? Wie ist das möglich ?
(nach Vopel 1981, S. 126ff).

TZI-Thema: „Ich zwischen Sinn, Geld, Gemeinschaft und Sicherheit - wo ist mein Ort im Viereck meiner Interessen - wo ist deiner - wir vergleichen uns miteinander. Wie will ich meine Balance finden - jetzt und später ...?“
Weg: Mein Wertefeld
Ich trage in ein Dreieck oder Viereck meine Hauptziele oder -zwecke ein (z.B. Geld - sicherer Arbeitsplatz - gutes Betriebsklima - sinnvolle Arbeit). Ich bestimme meinen Ort in diesem Feld, indem ich ein Kreuz dort hinmale, wo ich mich befinde.

Geld SicherheitKlima Sinnvolle Arbeit zum Viereck hier anklicken
Plenum: An der Tafel wird ein großes Wertefeld aufgezeichnet. Jede/r kann sich dort selbst einzeichnen. Es entsteht eine Werte-Landkarte dieser Gruppe.
Zur Überlegung: Mit wem stimme ich überein? Wer ist mir fremd? Wer macht mich neugierig, ihn zu befragen ...?
Ziele: 1. Unterschiedliche bzw. sich ausschließende Standpunkte und Ziele wahrnehmen. 2. Das „Dilemma“ von Wertekonflikten erkennen. 3. Einsicht gewinnen, daß es keine einfachen Lösungen gibt. 4. Die eigene Zielrichtung/Veränderungsrichtung wahrnehmen; Schritte dahin überlegen und sich vornehmen.

Meine Berufung

TZI-Thema : „Ich auf der Erde - wozu bin ich da - wozu fühle ich mich im Augenblick berufen - wie will ich meiner Aufgabe gerecht werden?“
Einstieg: Malen/Collage mit dem Thema: „Ich im Kosmos/auf der Erde“.
Auswertung: 1. Gefühle, Probleme beim Malen 2. Je nach Vertrautheit Vorstellen der Bilder (s.o. Nr. 2) 3. Im Plenum Austausch über das TZI-Thema.
Dabei ergibt sich oft das Thema: „Mein Ausbildungsberuf ist nicht der richtige für mich. Er hat keine Perspektive. Soll ich abbrechen und in einen anderen Beruf wechseln?“ Da ist meist fachkundige Beratung außerhalb des Unterrichts notwendig.
Ziel: Einsicht: „Ich bin nicht allmächtig, ich bin nicht ohnmächtig“ (Cohn 1974, S. 121). Aber: Ich habe einen Entscheidungs- und Handlungsspielraum.

Moralische Dilemmasituationen

Um ins Gespräch über andere ethische Dimensionen des Berufsalltags zu kommen, eigenen sich Dilemma-Geschichten.
Beispiel 1: Wolfgangs Freund Eberhard stiehlt einen wertvollen Diamantbohrer im Betrieb. Verdächtigt wird der Strafentlassene K. Soll Wolfgang seinen Freund verraten? (Mokrosch 1980, S. 124)
Beispiel 2: Soll ein Betriebsratsmitglied Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse auch dann verschweigen, wenn sein Schweigen den Kollegen, die ihn gewählt haben, sehr schadet, z.B. bei Entlassungen? (Lempert 1988, S. 13).
Beispiel 3: Der kirchentreue Unternehmer und Presbyter H. will Sonntagsarbeit einführen, um seine Maschinen besser auszulasten. Er würde sonst in Konkurs gehen, 50 Leute wären arbeitslos. Seine Frau sagt: „Du lebst nur für den Beruf. Deine 3jährige Tochter und mich vernachlässigst du. Als Christ ...“ (è Robra/Süß)
Weg: Rollenspiele. (è Rath)

Arbeitsblatt 2: „Sonntagsarbeit bei CompuCad?“

Sonntagsarbeit bei CompuCAD?

Hans Quick, 30, ein dynamischer Unternehmer hat einen modernen Computerbetrieb „Compu-CAD" für CAD-Anwendungen. Er hat 30 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die er bis an die Grenze ihrer Belastbarkeit - z.B. mit gut bezahlten Überstunden - beschäftigt. 6 Auszubildende erhalten bei ihm eine gute Ausbildung. Die Branche boomt. Er möchte seine millionenschwere Hard- und Software noch besser ausnutzen. Wochenend- und Sonntagsarbeit wäre eine kostengünstige Lösung.

Als aktives Mitglied im Presbyterium seiner Kirchengemeinde - er ist über die Friedens- und Ökologiebewegung dazugestoßen - hat er die Diskussionen um die Sonntagsarbeit in seiner Kirche verfolgt. Er ist keineswegs engstirnig „fromm", sieht aber im sonntäglichen Gottesdienst und in der Jugendarbeit der Gemeinde eine wichtige Ergänzung zu seinem harten Job als Unternehmer. Es gibt mehr im Leben als Geld und Arbeit: Frieden und Umwelt zu bewahren und soziale Gerechtigkeit für die ganze Menschheit. Vor seinem Antrag auf Genehmigung von Sonntagsarbeit beim Gewerbeaufsichtsamt will er diesen Plan mit seinen Beschäftigten, dem Betriebsrat und der Jugendvertretung besprechen. Als moderner Unternehmer will er ohne deren Zustimmung nicht entscheiden.

Vor dieser Entscheidung berät er sich mit seiner Frau.

Seine Frau, Ina, 28, ist nur halbtags mit im Betrieb beschäftigt, weil sie nachmittags und abends für die beiden Kinder, Michael, 4, und Sonja, l, Zeit haben will. In letzter Zeit merkt sie, daß ihre Ehe nur noch auf dem Papier besteht: Am Wochenende hat Ihr Mann immer noch Arbeit mit zu Hause: Kalkulationen, Planungen, Steuerprobleme, Gehaltsfragen, Kreditanträge an die Banken ... In der Woche arbeitet er bis spät in die Nacht. Er sagt immer wieder: „Bald sind wir aus dem Gröbsten raus, dann machen wir es uns schön. Dann haben wir Zeit für uns ..." Hans, 35,

Betriebsratsvorsitzender, aktiver Gewerkschafter, steht hinter seiner Gewerkschaft (IGM), die Sonntagsarbeit aus Arbeitnehmerinteressen ablehnt.

Andreas, 23,

Elektrotechn. Assistent, ledig und unternehmungslustig, genießt sein Wochenende sehr: Freitagabend Disko, Samstag ausschlafen und abends wieder auf der Rolle, Sonntags ausschlafen und dann mal ausspannen - das möchte er nicht aufgeben nur für ein paar Kröten mehr.

Boris, 43,

Kommunikationselektroniker, zum Programmierer umgeschult, hat nach seiner Scheidung von seiner Frau finanzielle Sorgen: das Haus ist noch nicht abbezahlt, Frau und Kinder haben Anrecht auf einen erheblichen Teil seines Verdienstes. Auch er ist aktiver Gewerkschafter.

Mohammed, 28,

Elektriker, hat als überzeugter Moslem Verständnis dafür, daß religiöse Vorschriften eingehalten werden. Die Feiertagsruhe ist ihm heilig. Er versteht die Christen nicht, die anders denken.Petra, 27,

alleinerziehende Mutter von zwei Kindern - 3 und 9 Jahre alt - ist als Buchhalterin beschäftigt. Sie muß ihre beiden Kinder allein ernähren, weil ihr Mann sich aus dem Staube gemacht hat. Sie arbeitet gerne in ihrem Beruf, hat aber ein schlechtes Gewissen, weil sie zu wenig Zeit für ihre Kinder hat.

Chefprogrammierer Eduard, 35,

ledig, lebt ganz für seinen Beruf, er kann sich ein Leben ohne Computer gar nicht vorstellen. Er hat kein Privatleben. Die Lösung schwieriger Programmieraufgaben fordert ihn heraus: Ich will es schaffen. So arbeitet er zu Hause noch an seinem Computer an Problemen aus der Firma.

Sascha, 17,

Azubi und Jugendvertreter hat es gut, er kann seine Jugendlichen beruhigen: Für Auszubildende ist Sonntagsarbeit in jedem Fall verboten. Aber er hat auch seine Meinung dazu. Er will vielleicht in der Firma weiterarbeiten. Außerdem ist seine feste Freundin als Verkäuferin tätig und sonntags ...

Suchen Sie sich eine Rolle aus, die Sie sich näher ansehen wollen.
Überlegen Sie sich Argumente, die Sie in die Diskussion einbringen könnten.

Sicherung des Existenzminimums und „gerechter“ Lohn

Lernweg: Die „Arbeiter im Weinberg“ (Mt 20) als Gerichtsverhandlung: Einer der „Ersten“ klagt vor dem Arbeitsgericht wegen ungleicher Behandlung. Prozeßparteien: die Anwälte der „Letzten“, der Arbeitgeber und der Kläger. (è Autschbach: Gleichnisse)
Ziele: 1. Den Wertekonflikt zwischen formaler Gerechtigkeit und sozialer Gerechtigkeit erfahren (Schutz des Schwachen). 2. Einsicht gewinnen in die Notwendigkeit der Sicherung durch soziale Netze. 3. Die Problematik „gerechter Lohn“ durcharbeiten.

Meine Zukunft im Beruf

TZI-Thema:
„Meine Zukunftsvorstellungen, meine Ideale und meine Träume vom Beruf - welche habe ich - wie will ich sie mit der Wirklichkeit in Einklang bringen - was bringen sie mir für mein persönliches Wachstum?“
Vorbereitung: Malen: Ich in 10 Jahren in einem Beruf
Auswertung: 1. Wie habe ich mich beim Malen gefühlt? 2. Die Bilder werden im Plenum - freiwillig - vorgestellt. 3. Versuch der Einordnung in die drei Rubriken: Das ist erreichbar (Realität). Das ist ein Traum, aber wohl kaum erreichbar (Traum). Das wäre erstrebenswert, könnte ich mit Anstrengung erreichen (Ideal).

Schaubild 10: TZI-“Globe“: Meine Zukunft im Beruf

Fortsetzung mit TZI-Thema: „Meine Lebensplanung: Beruf, Familie, Freunde, Eintreten für andere und Selbstentfaltung - wie will ich das zusammenbringen in meinem Leben - um mich wohl zu fühlen?“
Ziele: 1. Zwischen Realität, Traum und Ideal unterscheiden. 2. Eigene Schritte zur Lebensplanung überlegen.


Die zukünftige Verteilung der knapper werdenden Arbeit


Lernweg: Expertendiskussion.
1. Rollen: Arbeitgeber (Kleinbetrieb), Großaktionär, Gewerkschafter, Auszubildender, alleinerziehende Mutter, Vertreter einer Kirche, Politiker (unterschiedlicher Richtung)
2. Die Gruppen informieren sich über Modelle (z.B. Verkürzung der Wochenarbeitszeit, der Lebensarbeitszeit, gleitendes Ausscheiden der Alten, Sabbatjahr, zweiter Arbeitsmarkt, Aufwerten der Nichterwerbstätigkeit, Grundlohnmodell) und entscheiden sich für eins oder mehrere, die ihrer Interessenlage entsprechen.
3. Expertendiskussion zum Thema: Weniger Arbeit - was nun?
4. Auswertung: 1. Wie habe ich mich in der Rolle gefühlt? 2. Wie kamen die Argumente unserer Gruppe an? 3. Worin sehe ich Ergebnisse der Diskussion?
Ziele (z.T. erst durch weitere vertiefende Arbeit zu erreichen): 1. Informationen erarbeiten und aufnehmen. Vor- und Nachteile jedes Modells für einzelne/Gesamtgesellschaft/Arbeitsanbieter genau definieren. 2. Interessen hinter den Positionen erfassen. 3. Ethische Begründung von Interessen analysieren. 4. Eigenen Standpunkt definieren. 5. Verfahren zum Interessenausgleich reflektieren. 6. Eine Zukunftsprognose wagen.

Literatur

Baethge, Martin: Der Stellenwert von Arbeit in den Lebenskonzepten Jugendlicher. In: Landesinstitut für Schule und Weiterbildung (Hg.): Jugend und Erziehung am Ende der Achtziger Jahre. Soest 1988, S. 69-75.
Cohn, Ruth C.: Zur Grundlage des themenzentrierten interaktionellen Systems: Axiome, Postulate, Hilfsregeln (1974). In: Cohn, Ruth C.: Von der Psychoanalyse zur Themenzentrierten Interaktion. Stuttgart 1975, S. 120-133.
Cohn, Ruth C.: Zur Humanisierung der Schulen: Vom Rivalitätsprinzip zum Kooperationsmodell mit Hilfe der themenzentrierten Interaktion (TZI), (1973). In: Cohn, Ruth C.: Von der Psychoanalyse zur Themenzentrierten Interaktion. Stuttgart 1975, S. 152-175.
Feiks, Brigitte: Humanisierung der industriellen Arbeitswelt: Als Anfrage an die theologische Sozialethik und Praktische Theologie und ihre Konkretion für den Religionsunterricht an der Berufsschule. Essen 1987.
Grösch, Dieter: Biografie und Lebenskonzept: Widersprüche und Brüche im Prozess der Identitätsfindung junger Berufstätiger. Gudensberg-Gleichen 1987.
Hoff, Ernst: Arbeit, Freizeit und Persönlichkeit. Wissenschaftliche Modelle und subjektive Theorien. Bern 1986.
Kryszon, Sabine: Arbeitsansprüche der individualisierten Jugendgeneration. Berlin 1991.
Lempert, Wolfgang: Moralisches Denken: seine Entwicklung jenseits der Kindheit und seine Beeinflußbarkeit in der Sekundarstufe II. Essen 1988.
Mokrosch, Reinhold/Stoodt, Dieter: Elemente und Medien zur Friedens- und Konflikterziehung im Religionsunterricht. In: Mokrosch, Reinhold/Schmidt, Hans P./Stoodt, Dieter: Ethik und religiöse Erziehung. Stuttgart 1980, S. 101-212.
Richtlinien Evangelische Religionslehre für die Berufsschule, Landesinstitut NW, Soest, 29.10.1993 (Entwurf).
Schulz, Wolfgang: Unterrichtsplanung. München 1981.
Stollberg, Dietrich: Lernen, weil es Freude macht. München 1982.
Tismer, Karl G.: Konstanz und Veränderung in der Einstellung von Berufsschülern zur Arbeit. In: Zeitschrift für Berufs- und Wirtschaftspädagogik 87 (1991), H. 5, S. 388-398.
Vopel, Klaus W.: Interaktionsspiele für Jugendliche, Teil 1. Hamburg 1981.

Dietrich Horstmann

TZI-Thema

Was sind TZI-Themen?

"Normale" Themen des Unterrichts wie die oben aufgeführten Themen werden zu Austausch-"Themen" nach TZI durch eine sorgfältige Formulierung, bei der Sachaspekt, Personenbezug, Gruppenorientierung und globaler Bezugsrahmen möglichst konkret und sprachlich angemessen auf die Situation in der Lernguppe hin zugespitzt werden. Hier in meinen Elementen sind sie z. T. wegen der Verständlichkeit "abstrakter" - also von den speziellen Lerngruppen absehend - in Mittelschichtsprache formuliert.

Im handlungsorientierten Lernen sind die Themen Angebote, die von den Lernenden gewählt oder im Prozeß des Lernens gewünscht werden.


Standortdebatte

Die Standortdebatte - Argumente und Gegenargumente

1. "Der Standort Deutschland ist in Gefahr - der Kuchen wird immer kleiner - wir drohen zu verarmen."
Gegenargumente:
- Das Bruttosozialprodukt ist mit Ausnahme des Jahres 1993 in jedem Jahr gestiegen. 1995 um 1,8 %. Der Kuchen wird immer noch größer.
- Das Volkseinkommen je Einwohner ist 1995 um 4,4 % auf 32043 DM , das je Erwerbstätigen um 5,0 % auf 75095 DM gestiegen.



2. "Der Standort Deutschland ist gefährdet, weil die steuerliche Belastung der Unternehmen zu hoch ist."
Gegenargumente:
- Die Großen zahlen kaum noch Steuern. Die Kleinen sind die Dummen.
- Siemens zahlte 1995 keine Steuern mehr in Deutschland.
- BMW überwies 1988 in Deutschland noch 545 Mill. DM an Steuern, 1992 noch 31 Millionen. 1993 waren die Gewinne wieder gesteigen. Man ließ sich 32 Millionen vom Staat zurückgeben.
- Während die Quote der Einkommens- und Körperschaftssteuern auf den niedrigsten Stand seit 1960 von 5,9 % auf 0,9 % gesunken ist, ist der Anteil der Lohnsteuer am Steueraufkommen von 2,7 auf 8,9 % gestiegen.
- Die Unternehmer und Vermögenden können 89,0 % von ihren Bruttoeinnahmen netto für sich verbuchen, während die abhängig Beschäftigten vom Bruttolohn nur 64,3 % netto erhalten.
- Die durchschnittliche steuerliche Belastung der Unternehmen und Vermögen hat sich von 1991 bis 1995 von 14,4 auf 9,7 % reduziert ( Die Woche 46/ 8.11.1996)



3. "Die Ertragslage ist gesunken, so daß kein Geld mehr für Investitionen mehr bleibt."
Gegenargumente:
- Die Netto - Gewinne ( nach Abzug aller Abgaben und Einrechnung von Abschreibungen ) aus Unternehmenstätigkeit ist seit 1991 jährlich um durchschnittlich 15,5 % gestiegen ( Die Woche ebd. ).
Die Investitionen in neue Arbeitsplätze aber sind gleich null.
- Dafür beträgt der Kapitalexport allein nach Luxemburg nach Rechnung der Herald Tribune 1993 und 1994 150 Milliarden DM.
Bei einem Bundestagshearing wurden sogar 330 Milliarden DM genannt,
die nnerhalb von zweieinhalb Jahren illegal aus dem Land geschmuggelt
worden sein sollen.( SZ 20.1.1996 )

4. "Die Staatsverschuldung ist zu hoch. Sie gefährdet den Standort Deutschland"
Gegenargumente:
- "An der Staatsverschuldung verdienen Reiche, die es sich leisten können, dem Staat Geld zu leihen. Die fälligen Zinsen zahlt später die Gesamtheit der Steuerzahler" ( Helmut Schmidt )
- Eine Steuererhöhung für nicht betriebliche Kapitalertäge und eine Kapitaltransfersteuer kann die Staatsverschuldung senken.

5. "Die niedrigen Löhne im Ausland werden immer mehr Arbeitsplätze ins Ausland ziehen. Deshalb müssen die Löhne bei uns gedrückt werden."
Gegenargumente:

- Nur 2% aller Investitionen geht in nichtentwickelte Länder ( z.B. im Osten ).
- 90% der Investitionen entfallen auf das Inland, vom Rest fließt 80% in hochentwickelte Industriestaaten. ( FR 28.2.1996 ) .
- Die Zahl der exportierbaren Arbeitsplätze ist wesentlich geringer als angedroht.
- Das Qualifikationsniveau der Arbeitskräfte, die Ortsnähe, direkte Kommunikation, hohe Transportkosten, Qualitätsprobleme u.v.a. Faktoren lassen viele Unternehmen bereits wieder zurückkehren ( z. B. in der Textilbranche).
- Die Mehrzahl der Investitionen im Ausland dienen dazu, Konkurrenten aufzukaufen, die Betriebe dichtzumachen und die übernommenen Märkte zu bedienen.
- Arbeitsplatzexport führt zu Nachfrage nach hochwertigen Anlagen, die nur bei uns entwickelt und hergestellt werden können.
- Arbeitsplatzexport führt zur Steigerung der Löhne in den Ländern und macht ten denziell die Vorteile wieder zunichte. Der Arbeitsplatzwanderzirkus kommt schnell an sein Ende. ( s. Taiwan und Südkorea )

6. "Die Steuern in den USA und Österreich sind niedriger als bei uns".
Gegenargument: Es stimmt zwar, daß die Steuerqoute dort niedriger ist, zugleich wurden aber Subventionen nahezu vollständig abgebaut, so daß die Staatseinnahmen gestiegen sind.

7. Ausländische Unternehmen investierten 1995 nur 13 Milliarden in Deutschland währen  wir 40 Milliarden im Ausland investierten.
Gegenargument: Die Exporte stiegen 1995 um 5,5, % auf 728 Milliarden DM Das heißt "wir sind Export -Vizeweltmeister" ( G. Friedrich, MdB im Internet ).

8. "Die Soziallasten sind zu hoch"
Gegenargument: der Anteil der Sozialkosten am BSP ist auf dem Stand von 1973.
Da die kleinen und mittleren Betrieb oft einen höheren Anteil an Lohnkosten haben, sind in diesen Bereichen, die Lohnnebenkosten oft zu hoch.

9. "Die Staatsquote ist zu hoch"
Gegenargument: der Anteil des Staates an der Verwendung des Bruttinlandsprodukts schwankt seit 1960 zwischen 19 und 20,7 % und hatte 1995 einen relativ tiefen Stand von 19,8 % hatte.

10. " In England oder den Niederlanden hat die Deregulierung zu niedrigen Arbeitslosenzahlen geführt".

Gegenargumente:
- Für England gilt:"Neue Stellen sind meist schlechtbezahlte Teilzeitjobs... Rund 3,3, Millionen Haushalte, fast 20 Prozent, sind ohne bezahlte Arbeit...Es gibt zwar mehr Arbeit, aber das Einkommengefälle ist so groß wie seit Jahrzehnten nicht mehr"
( Die Woche,.7.3.1996).
- Für die Niederland gilt: Die Deregulierungen haben zwar die offizielle Arbeitslosigkeit auf 6,7 % reduziert. "Aber: Immer noch fast ein Drittel aller Niederländer beziehen Lohnersatzleistungen, Arbeitslosen- oder Invalidengeld. Zählt man alles zusammen, liegt die Arbeitslosenquote nicht bei 6,7, sondern bei 27 Pro zent.( ebd.)



11. "Weltweite Regulierungen der Märkte lassen sich nicht durchsetzen"

Gegenargumente:

- Der Internationale Währungsfonds" ( IWF) hat sehr wohl Macht. Er hat
z.B. Mexiko vor dem Bankrott gerettet und steuert weite Teile der Welt-
wirtschaft.
- Internationale Handelsabkommen (z.B. GATT ) regeln die Märkte seit
langem zu Lasten der Dritten Welt.
- Länder wie Irak oder Cuba werden durch internationalen Druck sanktioniert,
gegenüber Südafrika haben die internationalen Institutionen durchaus Erfolg gehabt.
- Die Wirtschaftsmacht Europa ist durchaus in der Lage, weltweit Einfluß zu nehmen.

Dietrich Horstmann



PS: Um der Lesbarkeit willen ist auf genaue Zitate verzichtet worden. Die statitischen Angaben sind in der Literatur - überwiegend bei Martin/Schumann, Die Globalisierungsfalle - schnell auffindbar.Die Zahlen sind z.T. durch die Daten des Bundesamtes für Statistik auf den neuesten Stand gebracht.

Literatur:
Martin,HP., Schumann,H., Die Globalisierungsfalle, 1996
Hamm, Bernd, Struktur moderner Gesellschaften, 1996
Rifkin,J. Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft, 1995
Reich, Robert, Die neue Weltwirtschaft, 1996
Altvater,E. u.a., Grenzen der Globalisierung, 1995











Modernisierungsverlierer



Modernisierungsverlierer

Hauptthese: Große Teile der jungen Generation sind in den 80er Jahren ist von Politik und Wirtschaft zu Verlierern gemacht worden.( Bielefelder Forschungsgruppe - W. Heitmeyer u.a. )

Generative Themen

Die von jungen Leuten - mit Berufsausbildung ! - im Religionsunterricht gewünschten Themen machen es deutlich : Sterbehilfe - im Klartext : “Wer hilft mir, wenn ich nicht mehr kann, möglichst schnell und schmerzlos zu sterben ?” ( mit 17 Jahren )

Tod - “Wer bewahrt mich mit 18 vor dem sozialen Tod”, “Gibt es ein Leben für mich noch vor dem Tod - oder soll ich mich gleich von Videos und heavy metal zudröhnen lassen ? - Innerlich den Abflug machen ?”

Abtreibung - “Bin ich erwünscht - oder will man mich abtreiben ?” bzw. “Lohnt es sich noch Kinder in die Welt zu setzen ?”

Spiritismus - “Wenn meine eigenen Kräfte nicht mehr reichen, könnten mir übersinnliche vielleicht solche vermitteln oder wenigstens die dunkle Zukunft erhellen und Sinn stiften ?” Die Magie wirds schon richten.

Was muß mit den Kindern und Jugendlichen angestellt worden sein, daß sie solche “generativen Themen” selber wünscht ?

Zur Lage

- Die Mehrzahl rechnet noch zu ihren Lebzeiten mit dem langsamen Ende der Welt infolge ökologischer Katastrophen. Sie haben kein Zutrauen in die Ökologiepolitik der Koalition/ Europas/der Industrieländer und schätzt die Bereitschaft der Industrie, eine umweltverträgliche Produktion aufzubauen als gering ein. Jugend ohne Zukunft und Hoffnungen auf Überleben

- Die Wirtschaft und die Politik haben auf die neuen Technologien gesetzt und die dabei entstehende hohe Arbeitslosigkeit bewußt in Kauf genommen. Teile der Jugend wurden so zu “Modernisierungsverlierern” gemacht - abgespeist mit Sondermaßnahmen, Warteschleifen in Schulformen ohne Berufseinmündungen oder Ausbildungsstellen in zukunftslosen Berufen im Handwerk. Hauptsache weg von der Straße.

Die Folge : ein hoher Sockel an nicht vermittelbaren jungen Erwachsenen - angefüllt mit großen Hoffnungen, am materiellen Segen teilhaben zu können - nun mit Versagergefühlen in der Clique auf der Straße ...

- Die bei uns nicht ausgebildeten Fachkräfte aber holt man aus der ehemaligen DDR und dem Ostblock - billiger : die BRD-Jugendlichen aber fühlen sich betrogen. “ Denen wird alles nachgeschmissen...”

3 Millionen Aussiedler braucht die deutsche Wirtschaft für den Aufschwung und die Aufbesserung der Rentenkassen - so das Institiut der Deutschen Wirtschaft.

- Bevölkerungspolitisch ist dies ebenso erwünscht. Ohne Zuzug von "deutschem Blut" stirbt das deutsche Volk angeblich aus. Die CDU braucht national-konservative Wähler also rein mit allen, die irgendwie "deutsch" - "dem Blute nach" sind. Die Lebensqualität der hier lebenden jungen Generation ist demgegenüber sekundär. Sie empfindet sich deshalb als die wahren Deutschen, und hat kein Verständnis für die Umsiedlungs- und Ansiedlungspläne der Koalition. Hier sind Differenzierungen im "Nationalbewußtsein" zu finden, die es verbieten pauschal von Nationalismus zu sprechen.

- Schulisch sind die Leistungsanforderungen mit der Drohung künftiger Arbeitslosigkeit von Lehrpersonen und Eltern immer höher geschraubt worden. “Du mußt einen guten Schulabschluß haben, sonst kannst du gleich Penner werden...” Die drop outs sind es dann “selber schuld” und müssen mit ihren Versagensängsten und ihrem Selbsthaß alleine fertig werden.

Wo hätten sie lernen können, mit ihrem Scheitern anders umzugehen?

- Die häusliche Situation vieler junger Leute ist durch zerbrochene Ehen bei gleichzeitig hohem Anspruch an gelungene Beziehungen gekennzeichnet. Eigene Partnersuche ohne vernünftigen Schul- und Ausbildungsabschluß aber ist schwierig - man brauchte dazu Selbstbewußtsein, Erfahrungen von Erotik und Zärtlichkeit - aber woher ?

- Befriedigende Sexualität angesichts von AIDS-Angst - wer von uns Erwachsenen könnte das frustrationslos lernen und leben ?

- Die Wohnungspolitik der FDP hat es geschafft, daß die Aussicht auf Rendite der Hausbesitzer gestiegen ist, aber die Hoffnung auf eine erschwingliche, kleine Wohnung für viele junge Erwachsene eine Illusion bleibt.

Es ist zynisch, wenn die Reduzierung des Mietanstieges von 30 auf 20% von Kinkel als soziale Großtat verkündet wird, während die Stadt München nicht einmal mehr Polizeibeamte einstellen kann, weil diese die Mieten nicht mehr bezahlen können. Und die Mehrheit in diesem unseren Lande verdient kaum mehr als diese. In Frankfurt sind 10 % der Wohngeldempfänger gut verdienende Leute mit 4000.-- DM netto, die sich 1800 - 2000 DM für die Miete in der Stadt nicht mehr leisten können. 40000 suchen eine Wohnung...

Die Aussicht vieler Jugendlicher bis hin zu den Studenten : Wohnen erst einmal zu Hause. Selbst Wohnraum für WGs ist knapp.

Wie schnell ist der Haß auf die verschoben, denen “Wohnungen” angeboten werden - und auch noch kostenlos ...

Kein Verständnis zu erwarten

Wie ist da zu erwarten, daß ein junger Mensch Verständnis für die Verfolgung von Asylsuchenden oder die Armut von Polen oder Afrikanern aufbringt? Wie soll ein Opfer der Politik bei uns, die Opfer derselben Politik und Wirtschaftsweise in der Dritten Welt verstehen ?

Selbst Asylsuchende

Wer im eigenen Land von den eigenen Politikern und Wirtschaftslenkern so ausgestoßen wird, ist selber Asylsuchender geworden und kann nicht einmal mehr die Heimatlosigkeit der Ossis nachvollziehen. Die kapitalistische Art und Weise des Anschlusses hat das Faß zum Überlaufen gebracht : Wer so mit Menschen und der Wahrheit umgeht, der wird genauso zynisch mit den eigenen Wessis umgehen.

Zynismus

Der Zynismus der Atom-, Friedens-, Weltwirtschafts- und Ökologiepolitik schlägt im Haß der Opfer zurück - aber nicht auf die eigentlichen Täter : Wirtschaft, CDU/CSU/FDP-Regierung und andere gesellschaftliche Kräfte - sondern auf die, die noch unter ihnen stehen: “Asylanten”.

Gewollter Haß auf "Asylanten"

Sie sind die von den Tätern ( CDU/CSU ) selbst angebotenen Ersatzopfer. In ihrem Schlag-Schatten werden die eigenen Schäfchen ins Trockene gebracht:

-Milliarden für den Golfkrieg durch Steuererhöhungen,

- Steuererleichterungen für die Wohlhabenden,

- Wohnungsbauprogramme, die die Besitzenden überproportional begünstigen,

- staatlich geförderte Renditesteigerungen für die (Groß-)Unternehmen,

- Bundesbankgewinne zur Sanierung der maroden Finanzen,

- Ausplünderung der ehemaligen DDR - Grundstücke, Immobilien, Industriebesitz - ,

- Kredite ( = Kaptialgewinne ! )an die Dritten Welt und denOstblock,

- Rüstungsexporte ...

Junge Generation sucht Asyl

Die, die da gegen Asylsuchende Steine werfen, sind selber Asylsuchende im eigenen Land, fühlen sich heimatlos. Deshalb klammern sie sich “stolz” an Deutschland, und/oder den FC Schalke, um wenigstens etwas “Selbstwertgefühl” und kollektive Sicherheit zu empfinden.

Angst vor produktivem Haß

“Denkzettel” wollen sie mit den Brandsätzen verteilen, “damit die endlich ‘mal wachwerden”: Aufmerksamkeit wünschen sie sich, Geborgenheit und Sicherheit.

Der destruktive Haß gegen Fremde ist ein Umweg, weil der “produktivere” Haß gegen die Täter nicht gewagt wird. Ohmachtserfahrungen aus den Zeiten der Friedenbewegung und der Ökologiebewegung ( Brockdorf/Wackersdorf), wo sofortige Erfolge ausblieben, lassen direktes Austragen der Konflikte als aussichtslos erschienen. Nicht “Null Bock”, sondern begründete Resignation prägt das Verhalten vieler.

Woher Hilfe ?

In der Erfolgsgesellschaft ist Scheitern aber zuallererst persönliches Versagen. Mit Scheitern - an sich selbst oder den Bedingungen - umzugehen, bleibt em Einzelnen überlassen. "Jede/r muß selbst sehen wie er damit fertig wird", sagen selbst viele Jugendliche.

So lebt der Haß nicht mehr in der Schule - nur noch in der Clique wird er ausgesprochen und ausgelebt. Da ist dann noch weniger Platz für das Bearbeiten der neuen Ängste in der ohnehin durch die Ängste vor dem Sich-Ablösen-Müssen geprägten Umbruchsphase ihres Lebens. Die Lehrergeneration - überaltert - die jüngsten um die vierzig Jahre alt - hat wenig Kontakte zu diesen Jugendlichen; der Ausbruch von Aggression macht den sanften Grünen soviel Angst, daß sie hilflos zum Nazimuster greifen. Der Wochenend-Untergrund bleibt als Ausweg. Die spontane Einzeltat auf Verabredung bleibt. Konstruktiver Haß ist versperrt. Solidarische Aktion erscheint aussichtslos. Konsumieren gibt wenigstens zeitweise ein "Erfolgsgefühl".

Und die Jugendarbeit ?

Jugendarbeit ist zu teuer. Jugendzentren - wo gibt es sie noch... Spezielle Sozialarbeit für die Problemgruppen - kein Geld. Besondere Jugendberatung oder Therapieangebote Fehlanzeige. Klinische Seelsorgeausbildung im Sinne von Beratung speziell für BerufsschulpfarrerInnen - wo gibt es SupervisorInnen, die das könnten ?

Beten - für wen ?

“Wir beten für die Opfer des Ausländerhasses in unserem Land” ( Handreichung des LKA) alleine reicht wohl nicht aus. Solches einseitiges Beten bedeutet nur die Verlängerung der moralischen Diskriminierung eines großen Teils der jungen Generation. Zur realen Deklassierung kommt noch eine religiös-moralische hinzu: Hoffnungslose gegen die nur noch Gott helfen kann - denn Gott steht ja auf der Seite der Opfer. Was aber, wenn die Täter selber Opfer sind ? Das - verständliche - moralische Entsetzen über die brutale Gewalt und den Haß und das wohlmeindene Einsetzen für die untersten Opfer kann für eine Volkskirche nicht ausreichen, weil wichtige Ursachen für Haß ausgeblendet werden und andere Opfer übersehen werden..

Elementare Rechte einlösen

Fazit : Statt Moralappellen und Empörung und einseitigem Gebet ist die Einlösung elementarer Rechte der jungen Generation einzufordern :

Bildung, Ausbildung, Wohnen, sinnvolle Arbeitsplätze, Umwelt, Eine-Welt-Politik, Abrüstung ... - doch da wird gegenwärtig gespart.

Kirche als Lobby ?

Wirksame soziale oder gar sozialistische Stimmen gibt es in diesem Lande kaum noch - so ist die Kirche die einzige, die gelegentlich den Finger in die Wunde legen und an die Versäumnisse erinnern könnte. Aber nicht nur als Nebensatz, sondern als deutliche Mahnung.

Denn : Nur Mahnwachen ohne Forderungen für die junge Generation könnten zur Stärkung der 2/3 Gesellschaft führen, weil sie zur realen Deklassierung von jungen Leuten auch noch deren moralische hinzufügen...





Dietrich Horstmann

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Rezension Hansen Marketing

Hansen, Ursula; Bode, Matthias, Marketing & Konsum. Theorie und Praxis von der Industrialisierung bis ins 21. Jahrhundert, München: Vahlen Verlag 1999, 542 S. 76.00 Euro Dem RU wird oft vorgeworfen, dass er in allen Fragen meint mitreden zu können, aber fachlich dabei nicht genügend fundiert ist. Das Buch von Hansen und Bode liefert umfassende Information über die Geschichte der Warenwelt bis heute. Dabei ist es keineswegs ein trockenes Lehrbuch, sondern ein anschauliches mit vielen Bildern, Beispielen und Grafiken ausgestattetes Kompendium, das sich gut liest. Vor allem die ethischen Dimensionen im Marketing bis hin zu Vermarktungschancen und -strategien mit dem Motiv der "Verantwortung" werden ausführlich dargestellt. Das vergangene Jahrhundert wird als ein Zeitraum lebendig, in dem schließlich alles vermarktbar wird. Die vielen Beispiele lassen sich unterrichtlich gut verwenden. Eine CD mit Liedern zum Konsum und Kaufen bis in die neueste Zeit mit Kommentaren und den Texten der Songs runden den Band ab. Wer bei Konsum und Marketing mitreden will, kommt um dieses Buch nicht herum. Allerdings ist es zum privaten Kauf sehr teuer. Eine Anschaffung für die Schulbibliothek nicht nur kaufmännisch ausgerichteter Berufsschulen ist -fächerübergreifend -sehr zu empfehlen. Dietrich Horstmann

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Kirche und Handwerk





Dietrich Horstmann Kirche und Handwerk

Der folgende Beitrag kann keine umfassende Analyse des Verhältnisses von Kirche und Handwerk sein; es fehlt nämlich, ,trotz vieler Einzeluntersuchungen zum Handwerk und zur Gesellschaftspolitik der Kirchen, an zusammenfassenden Darstellungen; über beide Bereiche und erst recht über das Verhältnis beider zueinander. Im ersten Teil soll die Lage des Handwerks in ihren ökonomischen, ideologischen und parteipolitischen Aspekten skizziert werden. Der zweite Teil gibt zunächst einen überblick über die »Arbeit an Handwerkern« in der evangelischen Kirche und im Kolpingwerk. Einige kritische Fragen zur Konzeption der bisherigen und geplanten Kooperation zwischen Evangelischer Kirche und Handwerk schließen sich an. Dabei muß vieles noch hypothetisch und pauschal bleiben. Konkret möchte der Beitrag Anstöße geben, die begonnene Kooperation kritischer zu analysieren, vor allem aber die Forderung nach einem längst fälligen neuen Gesamtkonzept für die kirchliche Gesellschaftsdiakonie und -politik auch von diesem kleinen Bereich aus erneut stellen. Er geht von einer Position aus, die die Interessen der Arbeitnehmer und Lehrlinge (Auszubildende) stärker berücksichtigt sehen möchte.

Definition des Handwerks Ein Konsensus der Wissenschaft über die Definition' des Begriffs Handwerk1 (ökonomisch, juristisch, soziologisch) besteht nicht.

-Es mag Zufall sein oder nicht, fest steht, daß ein verbreiteter Optimismus über die Lebenschancen des Handwerks einhergegangen ist mit der Abkehr von einer klaren wissenschaftlichen Definition des Handwerks und mit der Etablierung mächtiger handwerklicher Berufsorganisationen, deren interessenpolitisches legitimes Ziel darin besteht, den Sektor >Handwerk< innerhalb der Wirtschaft so groß wie möglich erscheinen zu lassen.«2

Handwerk ist also eine politische Größe. Es ist ihm gelungen, seinen Umfang monopolartig selbst zu bestimmen, obwohl die




Zwangsinnungen 1953 aufgehoben wurden. überspitzt for

muliert: Wer in die Handwerksrolle eingetragen wird, gehört zum Handwerk, auch in den amtlichen Statistiken.3 So zählen heute zum Handwerk die traditionellen Zweige wie Bäcker, Schneider und Friseure, aber auch die neue ren Zweige wie Kraftfahrzeugreparatur und das Bau-und Ausbaugewerbe. Handwerk umfaßt also derart disparate Sektoren wie Güterund Warenproduktion, Reparatur und Dienstleistung (Handel). Die Handwerksinnungen, die Kreishandwerkerschaften und die 45 Handwerkskammern haben heute den Status als Körperschaften öffentlichen Rechts und genießen Privilegien in der Berufsausbildung und auf ökonomischem Gebiet (Subventionen). Verbands politisch wird »das Handwerk« durch den Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) vertreten. Durch eine satzungsmäßig festgelegte personelle Identität in den Präsidien und Vorständen, eine gemeinsame Geschäftsstelle und gemeinsame "Offentlichkeitsarbeit«4 sind die Bundesvereinigung der Fachverbände des deutschen Handwerks (BFH) und der Deutsche Handwerkskammertag (DHKT), beide zu diesem Zweck privatrechtliche Vereine, mit dem ZDH gleichgeschaltet. Diese Form des Zusammenschlusses ermöglicht einerseits das volle Ausnutzen der Privilegien der öffentlichrechtlichen Körperschaft bei den Handwerkskammern, andererseits können von Landesebene ab die vereinigten Kammerund Fachverbände diese Privilegien für die partikularen Arbeitgeberinteressen im Handwerk bis hin zur Finanzierung des ZDH ausschöpfen. Diese.rechtliche und organisatorische Kostruktion wird denn auch mit Recht im "Reuß-Gutachten« -einer Auftragsarbeit des DGB als illegitim und undemokratisch bezeichnet.5 Dies zu ändern ist wohl mehr eine politische Kampfaufgabe denn ein Streit mit Rechtsgutachten beider Seiten.6

Die ökonomische Lage

Die ökonomische Lage7 der einzelnen Branchen und Betriebe ist sehr unterschiedlich. "Seit 1950 nahm die Zahl der Betriebe kontinuierlich ab, bis 1967 um 27 Prozent.,,6 Im Jahr

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1970 betrug die Zahl der Betriebe nur noch 604400, das ist ein Rückgang von 33,1 Prozent gegenüber 1949 (9°2800 Betriebe)9. 1971 existierten sogar nur noch 568 500 Betriebe.10 Dieser in den einzelnen Branchen un terschiedliche Strukturwandel betrifft vor allem die Kleinbetrieb:. So nahmen die Betriebe mit 1 bis 9 Beschäftigten von 1956 biS 196) um 15,1 Prozent ab, während im gleichen Zeitraum die mit über 50 Beschäftigten um 26,4 Prozent wuchsen.t1 Trotzdem sind die Kleinbetriebe immer noch in der Mehrzahl. Ihr Umsatz und ihre Gewinne sind so gering, daß die Hälfte der Handwerker gerade ausreichend verdienen, um einen »standesgemäßen Lebensunterhalt" zu erzielen.12 Viele Betri~be können n~r existieren, weil Familienangehörige und L~hrlwge (Au~zubIidende) voll mitarbeiten. überdies steigt die Zahl der mcht handwerklich ausgebildeten Arbeitnehmer ständig; Schätzungen vermuten bis zu 40% der Arbeitnehmer im Handwerk; es handelt sich in der Mehrzahl um Hilfsarbeiter (deutsche und ausländische), Man kann also von einer wachsenden ,.Proletarisierung« weiter Teile des Handwerks sprechen. Diese hier nur angedeuteten Strukturprobleme werden durch die günstigen Prognosen für das gesamte Handwerk13 nur ~üh.sa,m verdec~t, Der steigende Umsatz überproportional m eWIgen wemgen Branchen -und die leicht ansteigende Zahl der Beschäftigten von heute ca. -h2 Millionen reichen für optimistische Erwartungen nicht aus. Auch der in letzter Zeit immer wieder ins Feld geführte Vorteil der Klein-und Mittelbetriebe bei technischen Innovationen findet seine Grenze an der, mangelnde~ ~apital~usstattung zur Ausbeutung dieser Er!mdun.gen" DIe md~stnelle Gesellschaft im heutigen Kapitalismus l~t emem r~plden Konzentrationsprozeß14 von Kapital, Arbe.It ,u,nd WIssen un~erworfen, dem sich nur wenige hochspezlallSlerte und, kapl talstarke Unternehmen werden entziehen können, Nur wenn sich das Handwerk dem Trend
z.u größeren Betriebseinheiten anpaßt, rationalisiert, kooperIert und die Spielräume nutzt, die die Großindustrie, das Großkapital und die staatliche Wirtschaftspolitik ihm lassen wird es -allerdings radikal gewandelt »überleben",15 Den~ di~ vox: allen Seiten empfohlene »Anpassung« ist nur möglich bel steigenden Abhängigkeiten von den »Großen«, wie z. B.

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»die zunehmende Zahl der Vor-und Zulieferfirmen zeigt.«16 »Allein Siemens-Schuckert, die AEG, Fried. Krupp, Mannesmann, Opel und Daimler-Benz arbeiten insgesamt mit 120000 bis 130000 Zulieferfirmen zusammen.« 17 Ob die Handwerksbetriebe unter ihnen ihre stolze Selbständigkeit als "Partner der Industrie« werden bewahren können, ist fraglich. Eher wird gelten: »Je geringer die Autonomie, umso leichter die Partnerschaft zur Industrie.« 18 »Partnerschaft« bedeutet hierbei eine Verschleierung für »quasifeudale« Abhängigkeit. Von einem Gegengewicht zur Großindustrie kann man also kaum sprechen.19 So bedeutet »Anpassung« eine Entwicklung zum profitorientierten Betrieb mit »kapitalistischen« Produktionsbedingungen bei steigender Abhängigkeit von den »Großen«. Von Ausnahmen abgesehen führt also die Anpassungsstrategie (ähnlich wie in der Landwirtschaft und beim Einzelhandel) zum Untergang des selbständigen Handwerks als eigenständiger Größe, selbst wenn alternative Unternehmensmodelle entwikkelt werden.

Pufferfunktion zwischen Kapital und Arbeit

Für den einzelnen Unternehmer bedeuten diese ökonomischen Fakten die Nötigung zum Abschied vom vorindustriellen Wirtschaften und vor allem von den entsprechenden Kulturmustern: Wertvorstellungen, Glaubensnormen, Sitten, Gewohnheiten und Rechtsvorstellungen, Denn bisher gilt noch weithin: »Sie [ die Handwerker] streben nicht nach Maximierung ihres Einkommens, sondern nach einem standesgemäßen Einkommen, sie bekennen sich nicht zum Wettbewerb, sondern zur Zusammenarbeit, sie wollen keinen leistungsfähigen Betrieb realisieren, statt dessen einen bedächtigen Arbeitsstil pflegen, sie bekennen sich nicht zum technischen Fortschritt, sondern zur Tradition«,20 Dies trifft natürlich nur für die Masse der Kleinunternehmer zu. Diejenigen, die sich von diesen vorindustriellen Mustern getrennt haben, geraten zunehmend in Konflikte mit ihren Interessenorganisationen auf den unteren Ebenen der Innungen und Kreishandwerkerschaften, weniger der Fachverbände. Es handelt sich hierbei meist um Unternehmer, die eine überdurchschnittliche Bildung haben

15 8 6 ~nd einen Umsatz erzielen, der ihnen Investitionen ermöghcht (nach Sack).21 Auf der Ebene der Spitzenverbände, des Zentralverbands des deutschen Handwerks (ZDH), des Deutschen Handwerkskammert'll.gs und der Bundesvereinigung der Zentralfachverbände, versucht man, diese »moderne Mentalität« zu stützen; dabei muß aber ständig auf die »Kleinen« Rücksicht genommen werden. Da freilich die neue Wirtschaftsmentatität mit einer konservativ-romantischen Mittelstandsideotogie ;erbunden. bleibt, geli,ngt die »Anpassung« kaum. Der Verzicht auf diese Ideologie, verstanden als eine umfassende Gesellschaftstheorie zur Durchsetzung partikularer Interessen, würde dem Handwerk ein wesentliches Kamp~mittel rauben. Die Elemente dieser Ideologie sind oft besc~neben wor.den: Pufferfunktion zwischen Kapital und Arbeit, Verherrhchung des Kleinbetriebes, Patriarchalismus, Kulturpessimismus, antitechnischer Affekt, Antiintellektualismus, Antikommunismus, Gewerkschaftsfeindlichkeit, das Ideal einer konfliktfreien Volksgemeinschaft. Hinzu kommen für das Handwerk das Streben nach Selbstverwaltung und die Wunsc~1Vorstellung einer Zunftwirtschaft, neuerdings verbunden mIt der Selbständigenideologie, kurz: eine berufsständi

sche Gemeinschaftsideologie. 22 Vor allem auf dem Sektor der Berufsausbildung legitimiert das I;Iandw.erk sei~e .Position mit dieser Ideologie. Handwerkliche BIldung Ist Immer noch primär »Erziehung«, »Arbei~samkeit, Fleiß, Tüchtigkeit, Ehrlichkeit, Disziplin, allgememes Verhalten nach bürgerlichen Tugenden«23 sind die an vori~dustriell~n Leitbildern, orientierten Ziele dieser patriarchalIschen Melsterlehre.24 Bislang sicherte sich das Handwerk seinen Nachwuchs häufig dadurch, daß es diese z. T. autoritär~n Erziehun~s~iele ~u allgemeinen »Tugenden« erhob. Daß Sie a~achromst1sch smd, zeigt sich auch im Rückgang der Lehrhngszahlen in jüngster Zeit. Auch in neuesten Veröffentlichungen verzichten Vertreter des Handw~rks k~ineswefs au~ diese ,»Dogmen«. Die Erhaltung von Klel.nbetnebe~ Wird, mit »s?zlalen« Argumenten begründet: »DIese ~etnebe btlden eIne gute Grundlage für den sozialen Aufstieg aus den unteren Schichten und sind damit e~n Element .z;r~ Erhalt~ng des sozialen Friedens und der politischen Stabih tat«. 25 Die Gründe für das Festhalten an dieser
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»staatserhaltenden« Mittelstandsideologie liegen I auf der Hand: Da dem Handwerk ökonomische Machtmittel und große Mitgliederzahlen feh~en, blei~t. ihm nichts anderes übrig, als »die Bedeutung emer tradltlOnsbewußten Gruppe für die Ordnung innerhalb des Staates«26 herauszustellen und von daher den "Anspruch auf staatlichen Schutz« abzuleiten. Konkreter: Auch in Zeiten ökonomischer Sicherheit muß sich das Handwerk gegenüber den Interessen der Konzerne. und der Lohnabhängigen, neuerdings auch gegenüber den steigenden Wohlfahrts-und Sozialansprüchen, ständig behaupten. Daß die Pufferfunktion bloße Fiktion ist, zeigt sich in Krisen und bei zunehmender Kritik am kapitalistischen Wirtschaftssystem, z. B. in der heutigen Situation: F~ktisch nimmt das Handwerk für »die Unternehmer« gegen die Gewerkschaften und andere gesellschaftliche Interessen (z. B. d!e Forderung nach verbesserter Lebensqualität) Stellung. »Em Festhalten an dieser Fiktion in der Klassengesellschaft des 2.0. Jahrhunderts [kann] nur gegenrevolution ären Charakter«27 haben.

Politische Orientierung

Politisch orientiert sich das Handwerk an konservativen und autoritären Leitbildern und tendiert zu Parteien der »rechten Mitte« oder, in Krisen, gar nach »rechts«. Dies läßt sich historisch nachweisen.l8 Ob das Handwerk allerdings "in Zeiten ständisch orientierter und zugleich autoritärer Staatsführung«29 größere Erfolge hatte als in ~eiten mit demokratischer Regierungsform, darf wohl bezweifelt werden. So konnten die Handwerksverbände im »Dritten Reich« zwar ih~e Standesinteressen durchsetzen: großer BefähigungsnachweiS, eigenständiges Prüfungswe~en mit ?etriebli~he~ Ausbil.dung, Pflichtinnungen u. a. Fakttsch scheiterten sie okonomls~h wie schon in der Kaiserzeit -an der Macht des Großkapitals, besonders der Rüstungsindustrie, und an den mit i~nen v:rbündeten Parteien. Der späte Widerstand gegen die restriktive Kriegswirtschaft der Nazis vermitt~lte ~em Ha~~,,:erk die Illusion einer opposi tionellen Kraft, die es Ihm ermogbchte, nach 1945 die alte Standesordnung fast ungebrochen zu übernehmen. »Die Wiedererrichtung der alten Statusordnung des Mittelstandes ist

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ein bedeutsamer Aspekt der allgemeinen Restauration konservativer Wertvorstellungen und Institutionen in der Bundesrepublik. Die großen Wirtschaftsgewinne der letzten zwanzig Jahre sind auch dem alten Mittelstand zugute gekommen. Doch hat dieser wirtschaftliche Wohlstand an der konservativen Einstellung der Mittelständischen nichts Wesentliches geändert. Was ihre politische Einstellung betrifft, schätzte diese Mehrheit die autoritären Züge der Kanzlerdemokratie
und stimmte deshalb für die Adenauerpartei.«30

Nur wenn man der autoritären Demokratie nach 1945 ihren demokratischen Charakter abspricht, kann man also von größeren Erfolgen in früheren Zeiten sprechen. Allgemein war der wirtschaftliche Erfolg des Handwerks immer dann größer, wenn die herrschenden Wirtschaftsmächte im Bündnis mit der jeweiligen politischen Macht eine Stützung ihrer Herrschaft benötigten. Die bewußte Integration des Mittelstandes zur Stabilisierung der Macht gehörte aber zu den tragenden Elementen der CDU/CSU-regierten Demokratie nach 1945 und sicherte dem Handwerk den wirtschaftlichen Erfolg. Bis heute sieht das Handwerk deshalb in den Mittelstandsgruppen der CDU/CSU, dem Diskussionskreis Mittelstand und der Mittelstandsvereinigung seine wichtigsten Verbündeten. Obwohl die SPD mit dem Godesberger Programm von ihrer traditionellen Bindung an die Arbeitnehmerschaft abgerückt ist und die marxistischen Untergangsprognosen31 für den alten Mittelstand (Erfurt r89r) der Vergangenheit angehören, bleibt in Kreisen des Handwerks eine deutliche Reserve gegenüber der SPD bestehen. Vor allem die alte Befürchtung, daß Großindustrie und Gewerkschaften sich auf Kosten des Mittelstandes einigen könnten, führt zu einer distanzierten Beurteilung der »Konzertierten Aktion« und zu einer relativ scharfen Ablehnung des CDU-Vorschlags zur Bildung eines Wirtschafts-und Sozialrates.32 Ob es der »Bundesarbeitsgemeinschaft Selbstständige in der SPD .. sowohl innerparteilich wie bei den Handwerkern gelingt, alte Ressentiments abzubauen, kann hier nicht untersucht werden. Die in der Großen Koalition sichtbar gewordenen übereinstimmungen in der Wirtschaftspolitik (soziale Marktwirtschaft), namentlich in bezug auf den Mittelstand, könnten jedoch ein Arrangement zwischen Handwerk und SPD möglich machen. In den Jahresberichten des Handwerks betont man zwar die grundsätzliche
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übereinstimmung mit den Reformprogrammen der Regierung; aber gleichzeitig wird in allen wesentlichen Einzelhe!ten die Politik der SPD/FDP-Koalition überwiegend mit Argumenten aus der CDU/CSU kritisiert.33 So muß es wohl bei der oben ausgesprochenen Behauptung bleiben, daß das Handwerk, jedenfalls in den Spitzen der Verbände, zur CDU/CSU-Mittelstandsgruppe tendiert. Nach Angaben des Geschäftsführers des Diskussionskreises Mittelstand, Dr. Spary, gehört 1972 2 von 45 Kammerpräsidenten (Aachen und Hamburg) der SPD an, während de,r Res! der CDU/CSU nahesteht oder ihr angehört. Da der DiskusslOnskreis Mittelstand die zahlenmäßig stärkste Interessengruppe in ihrer Fraktion darstellt und außerdem ein Drittel aller CDU-Mitglieder Selbständige sind (100000 von etwa 300000)34, scheint das Handwerk gut daran zu tun, hier seine Interessen vertreten zu lassen, Demgegenüber sei hier die Hypothese gewagt, daß in entscheidenden Fragen der ~irtschaftsrat oder die Fraktionsspitze gegenüber den MIttelständlern in der CDU/CSU den Ausschlag gibt. 35 Die Strategie ist wohl die: Durch partielle Stützung des Mittelstande~, vor allem auf ideologischem Gebiet, weniger auf ökonomIschem, soll der Großindustrie und dem Großkapital der größte Anteil gesichert bleiben. Der Mittelstand, interessanterweise um die großunternehmerfreundlichen »Leitenden Angestellten« erweitert, soll durch Subventionen und andere Hilfen so weit befriedet werden, daß das latent »revolutionäre« Potential nie so groß wird, daß es zu politischen Krisen kommt. Dieses Gleichgewicht erweist sich jedoch keineswegs mehr als stabil. Der in letzter Zeit verstärkte Einfluß der Großindustrie im politischen Bereich könnte also das Handwerk, besonders die große Zahl der Kleinstunternehmer, in die Arme antidemokratischer Parteien treiben. Wie schon angedeutet, ist die konservative Mittelstandside?logie als einer der wesentlichen Stützen des Handwerks tn Wirtschaftskrisen tendenziell rechtsgerichtet bis Jaschistoid.36 So hatte die NPD in der Konjunkturkrise 1966167, ähnlich wie die Rechtsparteien in der Weimarer Zeit und schließlich die NSDAP, ihren Erfolg überwiegend dem selbständigen Mittelstand (Handwerker, Einzelhändler, Bauern) zu verdanken. Er war in der Mitglieder-wie in der Wählerschaft der
NPD eindeutig überrepräsentiert.37 Die geschichtlichen
Erfahrungen sind also vergessen. Da das Bündnis mit der CDU/CSU langfristig auf der Illusion der Stützung durch die »Großen« beruht, liegt m. E. eine politische Umorientierung eher im Interesse des Handwerks (und der Gesellschaft, die auf die Dienstleistungen des Handwerks angewiesen ist). Die Chancen für eine solche Umorientierung sind allerdings äußerst gering.

Zur Zusammenarbeit der Kirche mit dem Handwerk38

.A~f diesem ökonomischen, ideologischen und politischen H~ntergrund soll in erster Linie die Rolle der Evangelischen KIrche untersucht werden. Dabei sind zwei Ebenen zu untersche~d~n, die der Ve:eine und Verbände sowie die der SpitzenvereInIgungen. Faktisch besteht zwar eine Verzahnung beider Ebenen auf kirchlicher Seite; dennoch zeigen sich einige charakteristische Unterschiede, ähnlich wie beim Handwerk. Als Basis dienen Selbstdarstellungen, ohne daß ein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden kann. Die Rolle der Katholischen Kirche, ihre Verflechtung mit der CDU/CSU und die Unterschiede zur Handwerkerarbeit der
evangelischen Kirche können leider nur am Rande erwähnt werden. Die politische Konzeption der katholischen Kirche soll an einigen wenigen Beispielen aus dem Bereich des Kolpingwerkes dargestellt werden. Die vorhandenen Unterschiede zur evangelischen Kirche sind im ideologischen Bereich nur gering. Die Mittelstandsideologie ist in der katholischen Kirche grundsätzlicher gefaßt, da sie eine wesentliche Stütze des Subsidiaritätsprinzips und der Privateigentumsideologie ist. Der Mittelstand ist deshalb in der katholischen Kirche häufiger Gegenstand theoretischer und praktischer Arbeit. Noch prinzipieller gefaßt und in einem größeren ~rga~isatorisc.hen Rahmen gesehen, kann die Analyse auch fur die katholIsche Gesellschaftslehre und -politik gelten.

Die Evangelische Handwerkerbewegung

Der »Verba~d Evangelischer Handwerker im Bundesgebiet
e. V.« und die »Handwerkerbewegung der Männerarbeit der
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Evangelischen Kirche in Deutschland« ~seit 1952: Sitz Offe,nbach/Main) sind seit 1962 in der »AktlOnsgememschaft Kuche und Handwerk« mit einem gemeinsamen Presse organ Handwerker und Kirche39 zusammengeschlosssen, Sie versuchen, die Tradition der »Evangelischen Gesellen-und Meistervereine«40 fortzuführen. Allein die Tatsache, daß die Handwerkerbewegung berufsständisch ausgerichtet ist, ohne eine direkte institutionelle Verklammerung mit den Arbeitnehmervereinigungen in der evangelischen Kirche, noch viel weniger mit den Gewerkschaften, zeigt die anachronistische Verengung dieser Arbeit. Die Präambel der Männerarbeit orientiert sich dementsprechend an den Interessen der Handwerksverbände : »Sie setzt die berufsständischen Einrichtungen als notwendig und gegeben voraus und fördert eine fruchtbare Zusammenarbeit mit diesen Institutionen.«41 Allerdings handelt es sich gegenüber früher um kleine Gruppen. So umfaßt der Verband einige ,vereine, in H.ess~n und Westfalen liegt der Schwerpunkt, mit ca. 3000 Mltghedern. Diese Vereine leben ähnlich wie die Handwerkerbewegung der Männer [ ! ] arbei t der EKD von einem leicht modernisierten, romantischen Gemeinschaftsideal. Ziel der Männerarbeit ist immer noch -, »die Reste des Standes-und Klassenbewußtseins [in der Arbeiterschaft und im Handwerk] durch ein neu es Gemeinschaftsbewußtsein zu ersetzen.«42 Das Konzept der Zwanziger Jahre von einer konflik:t"reien »Vol~.sg:meinschaft« wird mit Appellen gegen die »Entpersonhchung«, Vermassung, für das »sittlich Anständige im Wirtschaftsleben«43 verbunden. Das Handwerk wird als moralisch höherstehend bewertet: »Handwerk und Handel
stehen menschlich stellvertretend für die ganze Wirtschaft.« Von ihnen hängt »das Vertrauen zur Gesamtgesellschaft, zum Staat als der verfaßten Gesellschaft und zur modernen welt überhaupt«44 mit ab. Das Ideal des personalen Wirtsc~aftens wird gegen das bloß Technische gesetzt und das pa~n~rchalische Meister-Gesellen-Lehrlings-Verhältnis zum Leitbild erhoben. Dieser anti technische, kulturpessimistische und antidemokratische Affekt durchzieht die Veröffentlichungen beider Vereinigungen. 45 Hier zeigt sich die Mittelstandsideologie in Reinkultur, Der »Jargon der Eigentlichkeit« (Adorno) in den Veröffentlichungen ist nicht bloß ein sprachliches Defi
zit; er deckt auch den Realitätsverlust dieses Zweiges kirchlicher Arbeit auf. Natürlich fehlen die Aufrufe zur »Mobilität« und zur »Anpassung« nicht. Trotzdem mangelt es der Handwerkerarbeit an Entschlossenheit, die ökonomische Situation realistisch zu analysieren, wie das etwa die Denkschrift Die Neuordnung der Landwirtschafr46 bekundet. Die Ansätze zu einer Offnung für »modernere« Fragestellungen besonders bei der »Männerarbeit« seien nicht verschwiegen; doch wird die Analyse zeigen, daß nur ein langsamer Anpassungsprozeß in den Führungsgremien zu erwarten ist. Ihm werden schon dadurch Grenzen gesetzt sein, daß die Mehrheit der führenden Männer in der »Bewegung« zur CDU/CSU tendieren.47 Dies wird durch die unten aufgewiesenen gesellschaftspolitischen Positionen bestätigt. Ganz allgemein gilt zudem, daß "Protestanten mit starker kirchlicher Bindung« eher zur CDU neigen.48 Tendenziell müßte die evangelische Handwerkerschaft auch zur NPD neigen; dennoch ist bei Kirchentreuen im Unterschied zu den nichtkirchentreuen Protestanten der MitteIschichten die CDU-Bindung relativ stark.49

Der Deutsche Zentralverband des Kolpingwerkes

Der Deutsche Zentralverband des Kolpingwerkes baut sein »gesellschaftspolitisches Leitbild" vom 7.Juni I96950 konsequent nach dem Subsidiaritätsprinzip auf. Entsprechend diesem Gesellschaftsbild ist das Kolpingwerk an der Basis in »Familien« gegliedert. Hier zeigt sich also ein ähnlicher Ansatz mit einer familialen Gemeinschaftsideologie wie bei der Evangelischen Handwerkerbewegung. Dennoch ist die standesmäßige Verengung nicht vorhanden; die gesamtgesellschaftliche Orientierung kommt in der bundesweiten Organisation, der größeren Mitgliederzahl und dem weiteren Aufgabenfeld zum Ausdruck, Die politische Ausrichtung des Kolpingwerkes ist eindeutig auf die CDU/CSU festgelegt. Am Beispiel der Stellungnahmen zur Mitbestimmungsfrage (Novelle zum BVG) vom
6.6. 1970 und 8. IO. I97I werden in der ersten indirekt, in der zweiten direkt die Auffassungen der CDU/CSU gegenüber dem Koalitionsentwurf begrüßt: »Ein kritischer Vergleich
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dieser beiden Entwürfe mit den einschlägigen Vorstellungen des Kolpingwerkes ergibt, daß der CDU/CSU Entwurf weit umfassender unsere Forderungen einholt«.51 Deutlicher kann man die CDU/CSU-Bindung nicht aussprechen. Eine eingehendere Analyse würde überdies ergeben, daß d~s Kolping~ werk jede neue Wendung in den A~ffassungen dieser P~rtel zur Mitbestimmung nachvollzieht. EIDe sehr starke Koordmation und Kooperation mit Gremien der CDU/C~U ist also anzunehmen. Diese These läßt sich auch durch dIe Tatsache stützen, daß das Kolpingwerk die VermögensbildungsJ?läne der »christlichen« Parteien übernommen hat. Im HOrizont dieser Verklammerung muß man folgende Sätze aus dem Programm des Kolpingwerkes Dietrich Horstmann Kirche und Handwerk

In: Y.Spiegel ( Hg.) Kirche und Klassenbindung , ed. Suhrkamp 709, Frankfurt a.M., 1974, S. 155ff

Der folgende Beitrag kann keine umfassende Analyse des Verhältnisses von Kirche und Handwerk sein; es fehlt nämlich, trotz vieler Einzeluntersuchungen zum Handwerk und zur Gesellschaftspolitik der Kirchen, an zusammenfassenden Darstellungen; über beide Bereiche und erst recht über das Verhältnis beider zueinander.

Im ersten Teil soll die Lage des Handwerks in ihren ökonomischen, ideologischen und parteipolitischen Aspekten skizziert werden. Der zweite Teil gibt zunächst einen Überblick über die »Arbeit an Handwerkern« in der evangelischen Kirche und im Kolpingwerk. Einige kritische Fragen zur Konzeption der bisherigen und geplanten Kooperation zwischen Evangelischer Kirche und Handwerk schließen sich an. Dabei muss vieles noch hypothetisch und pauschal bleiben. Konkret möchte der Beitrag Anstöße geben, die begonnene Kooperation kritischer zu analysieren, vor allem aber die Forderung nach einem längst fälligen neuen Gesamtkonzept für die kirchliche Gesellschaftsdiakonie und -politik auch von diesem kleinen Bereich aus erneut stellen. Er geht von einer Position aus, die die Interessen der Arbeitnehmer und Lehrlinge (Auszubildende) stärker berücksichtigt sehen möchte.

Definition des Handwerks

Ein Konsensus der Wissenschaft über die Definition des Begriffs Handwerk1 (ökonomisch, juristisch, soziologisch) besteht nicht.

»Es mag Zufall sein oder nicht, fest steht, dass ein verbreiteter Optimismus über die Lebenschancen des Handwerks einhergegangen ist mit der Abkehr von einer klaren wissenschaftlichen Definition des Handwerks und mit der Etablierung mächtiger handwerklicher Berufsorganisationen, deren interessenpolitisches legitimes Ziel darin besteht, den Sektor >Handwerk< innerhalb der Wirtschaft so groß wie möglich erscheinen zu lassen.«2

Handwerk ist also eine politische Größe. Es ist ihm gelungen, seinen Umfang monopolartig selbst zu bestimmen, obwohl die Zwangsinnungen 1953 aufgehoben wurden. Überspitzt formuliert: Wer in die Handwerksrolle eingetragen wird, gehört zum Handwerk, auch in den amtlichen Statistiken.3 So zählen heute zum Handwerk die traditionellen Zweige wie Bäcker, Schneider und Friseure, aber auch die neueren Zweige wie Kraftfahrzeugreparatur und das Bau-und Ausbaugewerbe. Handwerk umfasst also derart disparate Sektoren wie Güter und Warenproduktion, Reparatur und Dienstleistung (Handel). Die Handwerksinnungen, die Kreishandwerkerschaften und die 45 Handwerkskammern haben heute den Status als Körperschaften öffentlichen Rechts und genießen Privilegien in der Berufsausbildung und auf ökonomischem Gebiet (Subventionen). Verbandspolitisch wird »das Handwerk« durch den Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) vertreten. Durch eine satzungsmäßig festgelegte personelle Identität in den Präsidien und Vorständen, eine gemeinsame Geschäftsstelle und gemeinsame "Offentlichkeitsarbeit«4 sind die Bundesvereinigung der Fachverbände des deutschen Handwerks (BFH) und der Deutsche Handwerkskammertag (DHKT), beide zu diesem Zweck privatrechtliche Vereine, mit dem ZDH gleichgeschaltet. Diese Form des Zusammenschlusses ermöglicht einerseits das volle Ausnutzen der Privilegien der öffentlich-rechtlichen Körperschaft bei den Handwerkskammern, andererseits können von Landesebene ab die vereinigten Kammer und Fachverbände diese Privilegien für die partikularen Arbeitgeberinteressen im Handwerk bis hin zur Finanzierung des ZDH ausschöpfen. Diese rechtliche und organisatorische Konstruktion wird denn auch mit Recht im "Reuß-Gutachten« -einer Auftragsarbeit des DGB als illegitim und undemokratisch bezeichnet.5 Dies zu ändern ist wohl mehr eine politische Kampfaufgabe denn ein Streit mit Rechtsgutachten beider Seiten.6

Die ökonomische Lage

Die ökonomische Lage7 der einzelnen Branchen und Betriebe ist sehr unterschiedlich. »Seit 1950 nahm die Zahl der Betriebe kontinuierlich ab, bis 1967 um 27 Prozent. 8 Im Jahr 1970 betrug die Zahl der Betriebe nur noch 604400, das ist ein Rückgang von 33,1 Prozent gegenüber 1949 (902 800 Betriebe)9. 1971 existierten sogar nur noch 568 500 Betriebe.10 Dieser in den einzelnen Branchen unterschiedliche Strukturwandel betrifft vor allem die Kleinbetrieb: So nahmen die Betriebe mit 1 bis 9 Beschäftigten von 1956 bis 1963 um 15,1 Prozent ab, während im gleichen Zeitraum die mit über 50 Beschäftigten um 26,4 Prozent wuchsen.11 Trotzdem sind die Kleinbetriebe immer noch in der Mehrzahl. Ihr Umsatz und ihre Gewinne sind so gering, dass die Hälfte der Handwerker gerade ausreichend verdienen, um einen » „standesgemäßen Lebensunterhalt" zu erzielen.12 Viele Betriebe können nur existieren, weil Familienangehörige und Lehrlinge (Auszubildende) voll mitarbeiten. Überdies steigt die Zahl der nicht handwerklich ausgebildeten Arbeitnehmer ständig; Schätzungen vermuten bis zu 40% der Arbeitnehmer im Handwerk; es handelt sich in der Mehrzahl um Hilfsarbeiter (deutsche und ausländische). Man kann also von einer wachsenden » Proletarisierung« weiter Teile des Handwerks sprechen.

Diese hier nur angedeuteten Strukturprobleme werden durch die günstigen Prognosen für das gesamte Handwerk 13 nur mühsam verdeckt. Der steigende Umsatz überproportional in einen wenigen Branchen -und die leicht ansteigende Zahl der Beschäftigten von heute ca. 4,2 Millionen reichen für optimistische Erwartungen nicht aus. Auch der in letzter Zeit immer wieder ins Feld geführte Vorteil der Klein-und Mittelbetriebe bei technischen Innovationen findet seine Grenze an der mangelnden Kapitalausstattung zur Ausbeutung dieser Erfindungen. Die industrielle Gesellschaft im heutigen Kapitalismus mit ihrem rapiden Konzentrationsprozess 14 von Kapital, Arbeit und Wissen unterworfen, dem sich nur wenige hochspezialisierte und kapitalstarke Unternehmen werden entziehen können, Nur wenn sich das Handwerk dem Trend zu größeren Betriebseinheiten anpasst, rationalisiert, kooperiert und die Spielräume nutzt, die die Großindustrie, das Großkapital und die staatliche Wirtschaftspolitik ihm lassen wird es -allerdings radikal gewandelt »überleben" 15 Denn die von allen Seiten empfohlene »Anpassung« ist nur möglich bei steigenden Abhängigkeiten von den »Großen«, wie z. B. »die zunehmende Zahl der Vor-und Zulieferfirmen zeigt. «16 »Allein Siemens-Schuckert, die AEG, Fried. Krupp, Mannesmann, Opel und Daimler-Benz arbeiten insgesamt mit 120000 bis 130000 Zulieferfirmen zusammen.« 17 Ob die Handwerksbetriebe unter ihnen ihre stolze Selbständigkeit als "Partner der Industrie« werden bewahren können, ist fraglich. Eher wird gelten: »Je geringer die Autonomie, umso leichter die Partnerschaft zur Industrie.« 18 »Partnerschaft« bedeutet hierbei eine Verschleierung für »quasifeudale« Abhängigkeit. Von einem Gegengewicht zur Großindustrie kann man also kaum sprechen.19 So bedeutet »Anpassung« eine Entwicklung zum profitorientierten Betrieb mit »kapitalistischen« Produktionsbedingungen bei steigender Abhängigkeit von den »Großen«. Von Ausnahmen abgesehen führt also die Anpassungsstrategie (ähnlich wie in der Landwirtschaft und beim Einzelhandel) zum Untergang des selbständigen Handwerks als eigenständiger Größe, selbst wenn alternative Unternehmensmodelle entwickelt werden.

Pufferfunktion zwischen Kapital und Arbeit

Für den einzelnen Unternehmer bedeuten diese ökonomischen Fakten die Nötigung zum Abschied vom vorindustriellen Wirtschaften und vor allem von den entsprechenden Kulturmustern: Wertvorstellungen, Glaubensnormen, Sitten, Gewohnheiten und Rechtsvorstellungen :Denn bisher gilt noch weithin: »Sie [ die Handwerker] streben nicht nach Maximierung ihres Einkommens, sondern nach einem standesgemäßen Einkommen, sie bekennen sich nicht zum Wettbewerb, sondern zur Zusammenarbeit, sie wollen keinen leistungsfähigen Betrieb realisieren, statt dessen einen bedächtigen Arbeitsstil pflegen, sie bekennen sich nicht zum technischen Fortschritt, sondern zur Tradition«,20 Dies trifft natürlich nur für die Masse der Kleinunternehmer zu. Diejenigen, die sich von diesen vorindustriellen Mustern getrennt haben, geraten zunehmend in Konflikte mit ihren Interessenorganisationen auf den unteren Ebenen der Innungen und Kreishandwerkerschaften, weniger der Fachverbände. Es handelt sich hierbei meist um Unternehmer, die eine überdurchschnittliche Bildung haben und einen Umsatz erzielen, der ihnen Investitionen ermöglicht (nach Sack).21 Auf der Ebene der Spitzenverbände, des Zentralverbands des deutschen Handwerks (ZDH), des Deutschen Handwerkskammertages und der Bundesvereinigung der Zentralfachverbände, versucht man, diese »moderne Mentalität« zu stützen; dabei muss aber ständig auf die »Kleinen« Rücksicht genommen werden. Da freilich die neue Wirtschaftsmentalität mit einer konservativ-romantischen Mittelstandsideologie verbunden bleibt, gelingt die »Anpassung« kaum. Der Verzicht auf diese Ideologie, verstanden als eine umfassende Gesellschaftstheorie zur Durchsetzung partikularer Interessen, würde dem Handwerk ein wesentliches Kampfmittel rauben. Die Elemente dieser Ideologie sind oft beschriebien worden: Pufferfunktion zwischen Kapital und Arbeit, Verherrlichung des Kleinbetriebes, Patriarchalismus, Kulturpessimismus, antitechnischer Affekt, Antiintellektualismus, Antikommunismus, Gewerkschaftsfeindlichkeit, das Ideal einer konfliktfreien Volksgemeinschaft. Hinzu kommen für das Handwerk das Streben nach Selbstverwaltung und die Wunschvorstellung einer Zunftwirtschaft, neuerdings verbunden mit der Selbständigenideologie, kurz: eine berufsständische Gemeinschaftsideologie. 22 Vor allem auf dem Sektor der Berufsausbildung legitimiert das Handwerk seine Position mit dieser Ideologie. Handwerkliche Bildung Ist Immer noch primär »Erziehung«. »Arbeitsamkeit, Fleiß, Tüchtigkeit, Ehrlichkeit, Disziplin, allgemeines Verhalten nach bürgerlichen Tugenden«23 sind die an vorindustriellen Leitbildern, orientierten Ziele dieser patriarchalischen Melsterlehre.24 Bislang sicherte sich das Handwerk seinen Nachwuchs häufig dadurch, dass es diese z. T. autoritären Erziehungsziele zu allgemeinen »Tugenden« erhob. Dass Sie anachronistisch sind, zeigt sich auch im Rückgang der Lehrhngszahlen in jüngster Zeit. Auch in neuesten Veröffentlichungen verzichten Vertreter des Handwerks keineswegs auf diese »Dogmen«. Die Erhaltung von Kleinbetriebe wird, mit »sozialen« Argumenten begründet: »Diese Betriebe bilden eine gute Grundlage für den sozialen Aufstieg aus den unteren Schichten und sind damit ein Element zur Erhaltung des sozialen Friedens und der politischen Stabilität«. 25 Die Gründe für das Festhalten an dieser »staatserhaltenden« Mittelstandsideologie liegen auf der Hand: Da dem Handwerk ökonomische Machtmittel und große Mitgliederzahlen fehlen, bleibt ihm nichts anderes übrig, als »die Bedeutung einer traditionsbewussten Gruppe für die Ordnung innerhalb des Staates«26 herauszustellen und von daher den "Anspruch auf staatlichen Schutz« abzuleiten. Konkreter: Auch in Zeiten ökonomischer Sicherheit muss sich das Handwerk gegenüber den Interessen der Konzerne und der Lohnabhängigen, neuerdings auch gegenüber den steigenden Wohlfahrts-und Sozialansprüchen, ständig behaupten. Dass die Pufferfunktion bloße Fiktion ist, zeigt sich in Krisen und bei zunehmender Kritik am kapitalistischen Wirtschaftssystem, z. B. in der heutigen Situation: Faktisch nimmt das Handwerk für »die Unternehmer« gegen die Gewerkschaften und andere gesellschaftliche Interessen (z. B. der Forderung nach verbesserter Lebensqualität) Stellung. »Ein Festhalten an dieser Fiktion in der Klassengesellschaft des 2.0. Jahrhunderts [kann] nur gegenrevolutionären Charakter«27 haben.

Politische Orientierung

Politisch orientiert sich das Handwerk an konservativen und autoritären Leitbildern und tendiert zu Parteien der »rechten Mitte« oder in Krisen, gar nach »rechts«. Dies lässt sich historisch nachweisen. 28 Ob das Handwerk allerdings »in Zeiten ständisch orientierter und zugleich autoritärer Staatsführung«29 größere Erfolge hatte als in Zeiten mit demokratischer Regierungsform, darf wohl bezweifelt werden. So konnten die Handwerksverbände im »Dritten Reich« zwar ihre Standesinteressen durchsetzen: großer Befähigungsnachweis, eigenständiges Prüfungswesen mit betrieblicher Ausbildung, Pflichtinnungen u. a. Faktisch scheiterten sie ökonomisch wie schon in der Kaiserzeit -an der Macht des Großkapitals, besonders der Rüstungsindustrie, und an den mit ihnen verbündeten Parteien. Der späte Widerstand gegen die restriktive Kriegswirtschaft der Nazis vermittelte dem Handwerk die Illusion einer oppositionellen Kraft, die es Ihm ermöglichte, nach 1945 die alte Standesordnung fast ungebrochen zu übernehmen.

»Die Wiedererrichtung der alten Statusordnung des Mittelstandes ist ein bedeutsamer Aspekt der allgemeinen Restauration konservativer Wertvorstellungen und Institutionen in der Bundesrepublik. Die großen Wirtschaftsgewinne der letzten zwanzig Jahre sind auch dem alten Mittelstand zugutegekommen. Doch hat dieser wirtschaftliche Wohlstand an der konservativen Einstellung der Mittelständischen nichts Wesentliches geändert. Was ihre politische Einstellung betrifft, schätzte diese Mehrheit die autoritären Züge der Kanzlerdemokratie und stimmte deshalb für die Adenauerpartei. «30

Nur wenn man der autoritären Demokratie nach 1945 ihren demokratischen Charakter abspricht, kann man also von größeren Erfolgen in früheren Zeiten sprechen. Allgemein war der wirtschaftliche Erfolg des Handwerks immer dann größer, wenn die herrschenden Wirtschaftsmächte im Bündnis mit der jeweiligen politischen Macht eine Stützung ihrer Herrschaft benötigten. Die bewusste Integration des Mittelstandes zur Stabilisierung der Macht gehörte aber zu den tragenden Elementen der CDU/CSU-regierten Demokratie nach 1945 und sicherte dem Handwerk den wirtschaftlichen Erfolg. Bis heute sieht das Handwerk deshalb in den Mittelstandsgruppen der CDU/CSU, dem Diskussionskreis Mittelstand und der Mittelstandsvereinigung seine wichtigsten Verbündeten. Obwohl die SPD mit dem Godesberger Programm von ihrer traditionellen Bindung an die Arbeitnehmerschaft abgerückt ist und die marxistischen Untergangsprognosen31 für den alten Mittelstand (Erfurt 1891) der Vergangenheit angehören, bleibt in Kreisen des Handwerks eine deutliche Reserve gegenüber der SPD bestehen. Vor allem die alte Befürchtung, dass Großindustrie und Gewerkschaften sich auf Kosten des Mittelstandes einigen könnten, führt zu einer distanzierten Beurteilung der »Konzertierten Aktion« und zu einer relativ scharfen Ablehnung des CDU-Vorschlags zur Bildung eines Wirtschafts-und Sozialrates.32 Ob es der Bundesarbeitsgemeinschaft Selbstständige in der SPD - sowohl innerparteilich wie bei den Handwerkern gelingt, alte Ressentiments abzubauen, kann hier nicht untersucht werden. Die in der Großen Koalition sichtbar gewordenen Übereinstimmungen in der Wirtschaftspolitik (soziale Marktwirtschaft), namentlich in Bezug auf den Mittelstand, könnten jedoch ein Arrangement zwischen Handwerk und SPD möglich machen. In den Jahresberichten des Handwerks betont man zwar die grundsätzliche Übereinstimmung mit den Reformprogrammen der Regierung; aber gleichzeitig wird in allen wesentlichen Einzelheiten die Politik der SPD/FDP-Koalition überwiegend mit Argumenten aus der CDU/CSU kritisiert.33 So muss es wohl bei der oben ausgesprochenen Behauptung bleiben, dass das Handwerk, jedenfalls in den Spitzen der Verbände, zur CDU/CSU-Mittelstandsgruppe tendiert. Nach Angaben des Geschäftsführers des Diskussionskreises Mittelstand, Dr. Spary, gehörten 1972 zwei von 45 Kammerpräsidenten (Aachen und Hamburg) der SPD an, während der Rest der CDU/CSU nahesteht oder ihr angehört. Da der Diskussionskreis Mittelstand die zahlenmäßig stärkste Interessengruppe in ihrer Fraktion darstellt und außerdem ein Drittel aller CDU-Mitglieder Selbständige sind (100000 von etwa 300000)34, scheint das Handwerk gut daran zu tun, hier seine Interessen vertreten zu lassen. Demgegenüber sei hier die Hypothese gewagt, dass in entscheidenden Fragen der Wirtschaftsrat oder die Fraktionsspitze gegenüber den Mittelständlern in der CDU/CSU den Ausschlag gibt. 35 Die Strategie ist wohl die: Durch partielle Stützung des Mittelstande, vor allem auf ideologischem Gebiet, weniger auf ökonomischem, soll der Großindustrie und dem Großkapital der größte Anteil gesichert bleiben. Der Mittelstand, interessanterweise um die großunternehmerfreundlichen »Leitenden Angestellten« erweitert, soll durch Subventionen und andere Hilfen so weit befriedet werden, dass das latent »revolutionäre« Potential nie so groß wird, dass es zu politischen Krisen kommt. Dieses Gleichgewicht erweist sich jedoch keineswegs mehr als stabil. Der in letzter Zeit verstärkte Einfluss der Großindustrie im politischen Bereich könnte also das Handwerk, besonders die große Zahl der Kleinstunternehmer, in die Arme antidemokratischer Parteien treiben. Wie schon angedeutet, ist die konservative Mittelstandsideologie als einer der wesentlichen Stützen des Handwerks in Wirtschaftskrisen tendenziell rechtsgerichtet bis faschistoid.36 So hatte die NPD in der Konjunkturkrise 1966167, ähnlich wie die Rechtsparteien in der Weimarer Zeit und schließlich die NSDAP, ihren Erfolg überwiegend dem selbständigen Mittelstand (Handwerker, Einzelhändler, Bauern) zu verdanken. Er war in der Mitglieder-wie in der Wählerschaft der NPD eindeutig überrepräsentiert.37 Die geschichtlichen Erfahrungen sind also vergessen. Da das Bündnis mit der CDU/CSU langfristig auf der Illusion der Stützung durch die »Großen« beruht, liegt m. E. eine politische Umorientierung eher im Interesse des Handwerks (und der Gesellschaft, die auf die Dienstleistungen des Handwerks angewiesen ist). Die Chancen für eine solche Umorientierung sind allerdings äußerst gering.

Zur Zusammenarbeit der Kirche mit dem Handwerk38

.Auf diesem ökonomischen, ideologischen und politischen Hintergrund soll in erster Linie die Rolle der Evangelischen Kirche untersucht werden. Dabei sind zwei Ebenen zu unterscheiden, die der Vereine und Verbände sowie die der SpitzenvereInIgungen. Faktisch besteht zwar eine Verzahnung beider Ebenen auf kirchlicher Seite; dennoch zeigen sich einige charakteristische Unterschiede, ähnlich wie beim Handwerk. Als Basis dienen Selbstdarstellungen, ohne dass ein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden kann. Die Rolle der Katholischen Kirche, ihre Verflechtung mit der CDU/CSU und die Unterschiede zur Handwerkerarbeit der evangelischen Kirche können leider nur am Rande erwähnt werden. Die politische Konzeption der katholischen Kirche soll an einigen wenigen Beispielen aus dem Bereich des Kolpingwerkes dargestellt werden. Die vorhandenen Unterschiede zur evangelischen Kirche sind im ideologischen Bereich nur gering. Die Mittelstandsideologie ist in der katholischen Kirche grundsätzlicher gefasst, da sie eine wesentliche Stütze des Subsidiaritätsprinzips und der Privateigentumsideologie ist. Der Mittelstand ist deshalb in der katholischen Kirche häufiger Gegenstand theoretischer und praktischer Arbeit. Noch prinzipieller gefasst und in einem größeren organisatorischen Rahmen gesehen, kann die Analyse auch für die katholische Gesellschaftslehre und -politik gelten.

Die Evangelische Handwerkerbewegung

Der »Verband Evangelischer Handwerker im Bundesgebiet e. V.« und die »Handwerkerbewegung der Männerarbeit der

Evangelischen Kirche in Deutschland« seit 1952: Sitz Offenbach/Main) sind seit 1962 in der »Aktionsgememschaft Kirche und Handwerk« mit einem gemeinsamen Presseorgan Handwerker und Kirche39 zusammengeschlossen, Sie versuchen, die Tradition der »Evangelischen Gesellen-und Meistervereine«40 fortzuführen. Allein die Tatsache, dass die Handwerkerbewegung berufsständisch ausgerichtet ist, ohne eine direkte institutionelle Verklammerung mit den Arbeitnehmervereinigungen in der evangelischen Kirche, noch viel weniger mit den Gewerkschaften, zeigt die anachronistische Verengung dieser Arbeit. Die Präambel der Männerarbeit orientiert sich dementsprechend an den Interessen der Handwerksverbände: »Sie setzt die berufsständischen Einrichtungen als notwendig und gegeben voraus und fördert eine fruchtbare Zusammenarbeit mit diesen Institutionen. «41 Allerdings handelt es sich gegenüber früher um kleine Gruppen. So umfasst der Verband einige Vereine, in Hessen und Westfalen liegt der Schwerpunkt, mit ca. 3000 Mitgliedern. Diese Vereine leben ähnlich wie die Handwerkerbewegung der Männer [!] Arbeit t der EKD von einem leicht modernisierten, romantischen Gemeinschaftsideal. Ziel der Männerarbeit ist immer noch -, »die Reste des Standes-und Klassenbewusstseins [in der Arbeiterschaft und im Handwerk] durch ein neu es Gemeinschaftsbewußtsein zu ersetzen. «42 Das Konzept der Zwanziger Jahre von einer konfliktfreien »Volksgemeinschaft« wird mit Appellen gegen die »Entpersönlichung«, Vermassung, für das »sittlich Anständige im Wirtschaftsleben«43 verbunden. Das Handwerk wird als moralisch höherstehend bewertet: »Handwerk und Handel stehen menschlich stellvertretend für die ganze Wirtschaft. « Von ihnen hängt »das Vertrauen zur Gesamtgesellschaft, zum Staat als der verfassten Gesellschaft und zur modernen Welt überhaupt«44 mit ab. Das Ideal des personalen Wirtschaftens wird gegen das bloß Technische gesetzt und das patriarchalische Meister-Gesellen-Lehrlings-Verhältnis zum Leitbild erhoben. Dieser antitechnische, kulturpessimistische und antidemokratische Affekt durchzieht die Veröffentlichungen beider Vereinigungen. 45 Hier zeigt sich die Mittelstandsideologie in Reinkultur, Der »Jargon der Eigentlichkeit« (Adorno) in den Veröffentlichungen ist nicht bloß ein sprachliches Defizit; er deckt auch den Realitätsverlust dieses Zweiges kirchlicher Arbeit auf. Natürlich fehlen die Aufrufe zur »Mobilität« und zur »Anpassung« nicht. Trotzdem mangelt es der Handwerkerarbeit an Entschlossenheit, die ökonomische Situation realistisch zu analysieren, wie das etwa die Denkschrift Die Neuordnung der Landwirtschaft46 bekundet. Die Ansätze zu einer Öffnung für »modernere« Fragestellungen besonders bei der »Männerarbeit« seien nicht verschwiegen; doch wird die Analyse zeigen, dass nur ein langsamer Anpassungsprozess in den Führungsgremien zu erwarten ist. Ihm werden schon dadurch Grenzen gesetzt sein, dass die Mehrheit der führenden Männer in der »Bewegung« zur CDU/CSU tendieren.47 Dies wird durch die unten aufgewiesenen gesellschaftspolitischen Positionen bestätigt. Ganz allgemein gilt zudem, dass "Protestanten mit starker kirchlicher Bindung« eher zur CDU neigen.48 Tendenziell müsste die evangelische Handwerkerschaft auch zur NPD neigen; dennoch ist bei Kirchentreuen im Unterschied zu den nichtkirchentreuen Protestanten der Mittelschichten die CDU-Bindung relativ stark.49

Der Deutsche Zentralverband des Kolpingwerkes

Der Deutsche Zentralverband des Kolpingwerkes baut sein »gesellschaftspolitisches Leitbild" vom 7.Juni I96950 konsequent nach dem Subsidiaritätsprinzip auf. Entsprechend diesem Gesellschaftsbild ist das Kolpingwerk an der Basis in »Familien« gegliedert. Hier zeigt sich also ein ähnlicher Ansatz mit einer familialen Gemeinschaftsideologie wie bei der Evangelischen Handwerkerbewegung. Dennoch ist die standesmäßige Verengung nicht vorhanden; die gesamtgesellschaftliche Orientierung kommt in der bundesweiten Organisation, der größeren Mitgliederzahl und dem weiteren Aufgabenfeld zum Ausdruck. Die politische Ausrichtung des Kolpingwerkes ist eindeutig auf die CDU/CSU festgelegt. Am Beispiel der Stellungnahmen zur Mitbestimmungsfrage (Novelle zum BVG) vom 6.6. 1970 und 8.10. I97I werden in der ersten indirekt, in der zweiten direkt die Auffassungen der CDU/CSU gegenüber dem Koalitionsentwurf begrüßt: »Ein kritischer Vergleich dieser beiden Entwürfe mit den einschlägigen Vorstellungen des Kolpingwerkes ergibt, dass der CDU/CSU Entwurf weit umfassender unsere Forderungen einholt«.51 Deutlicher kann man die CDU/CSU-Bindung nicht aussprechen. Eine eingehendere Analyse würde überdies ergeben, dass das Kolpingwerk jede neue Wendung in den Auffassungen dieser Partei zur Mitbestimmung nachvollzieht. Eine sehr starke Koordination und Kooperation mit Gremien der CDU/CSU ist also anzunehmen. Diese These lässt sich auch durch die Tatsache stützen, dass das Kolpingwerk die Vermögensbildungspläne der »christlichen« Parteien übernommen hat. Im Horizont dieser Verklammerung muss man folgende Sätze aus dem Programm des Kolpingwerkes Deutscher Zentralverband vom 18. Nov. 1971 lesen: »Deshalb arbeitet das Kolpingwerk mit den politischen Parteien zusammen, die seine gesellschaftspolitischen Ziele bejahen sowie kooperationsfähig und -willig sind. «52 Wer bejaht hier wen?

Zentralverband des Handwerks und Kirche

Das Handwerk suchte ab I966 53 über die bestehenden Kontakte hinaus direkte Beziehungen zur EKD. Es kam zu einem »Ständigen Arbeitskreis Kirche/Handwerk«.54. Das Handwerk suchte sich des Einflusses der EKD zu bedienen. Neben Fragen der Sozialenquete, den Bildungsaufgaben und den sozialethischen Grundsatzfragen (Denkschriften-Denkschrift) 55 ging es dem Handwerk vor allem darum, »dass die Gesprächsergebnisse [...] auch In der bei der EKD gebildeten Kammer für soziale Ordnung verwertet werden. «56 Bei diesen Gesprächen waren von Seiten des Handwerks nur Unternehmervertreter anwesend. Außerdem wurde eine Absprache getroffen, »wonach in keinem Falle mehr seitens der EKD irgendwelche Stellungnahmen, und hier im Besonderen im sozialpolitischen Bereich, abgegeben werden sollten, die nicht vorher mit dem Arbeitskreis des ZDH >Kirche Handwerk>, vereinbart wurden«.57 Mit Recht bezweifelt die DGB-Zeitung Gewerkschafter im Handwerk, ob nach. solchen Festlegungen eine wirkliche Zusammenarbeit Kirche Gewerkschaft überhaupt noch sinnvoll sei. Arbeitnehmerinteressen scheinen in diesem Zweig kirchlicher Arbeit sekundär zu sein. Dies wird dadurch bestätigt, dass es dem Handwerk gelang, wohl im Verein mit anderen, Einfluss auf die Studie der EKD zur Mitbestimmung zu nehmen. So wurden in einem besonderen Abschnitt, »Bestimmungsrechte kleiner Unternehmen«59, die Interessen der Unternehmer gesondert zur Sprache gebracht. Inhaltlich wird in diesem Abschnitt ein grundsätzlicher Widerspruch deutlich. Einerseits werden die Vorzüge des Familienbetriebes und der Selbständigkeit, die Arbeitsleistung der Inhaber und die »persönlichen Kontakte« zu den Lohnabhängigen positiv hervorgehoben; andererseits werden die daraus resultierenden Abhängigkeiten für die Arbeitnehmer, besonders in strukturell schwachen Gebieten, beklagt. Dieser Widerspruch wird dann durch Kompromißformeln nur scheinbar aufgelöst: Es sollte eine »gewisse Institutionalisierung dieser Beziehungen« zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern angestrebt werden; Mitbestimmung müsse »andere Formen haben als in Großunternehmen«, es müssten »neue Formen einer Beteiligung der Arbeitnehmerschaft an der Willensbildung in den Arbeitsgruppen und Betrieben gefunden werden«. Diese zu finden, sei Aufgabe der Verbände und Gewerkschaften. Die Zielangabe ist interessant: »Damit können sie einen wesentlichen Beitrag zur sozialen Entwicklung und zur künftigen Erhaltung der wirtschaftlichen Freiheit leisten. « Hier zeigt sich am deutlichsten die entweder aus Unkenntnis besserer Lösungen oder aus bewusster Anpassung an die Interessen des Mittelstandes resultierende Verschleierung von Widersprüchen. »Soziale Entwicklung« meint wohl die Interessen der Arbeitnehmer, »wirtschaftliche Freiheit« wohl die Interessen der Unternehmer. Beide werden nicht als Antagonismen zwischen Kapital und Arbeit begriffen, sondern in den undefinierten »neuen Formen« scheinbar aufgelöst. Die Existenzprobleme der Kleinstunternehmer, die selbst Abhängige sind, und die Abhängigkeitsprobleme der Gesellen, Lehrlinge und mithelfenden Familienangehörigen werden so keineswegs verringert. In dieser Form nützt der Abschnitt praktisch nur den Arbeitgebern. Der Hinweis auf die Gewerkschaften muss zwar den traditionell gewerkschaftsfeindlichen Handwerkern nicht sehr angenehm geklungen haben, angesichts des (noch) geringen Einflusses der Gewerkschaften in Klein-und Mittelbetrieben wird dieser Vorschlag jedoch kaum als »bedrohlich« empfunden worden sein. Diese Analyse wird durch den Inhalt der anderen Teile der Mitbestimmungsstudie bestätigt. Sie vertreten ähnlich wie die CDU und die »integrationistische Strömung« im DGB 60 eine "Partnerschaftsideologie«. Von Parität ist hier keine Rede: wirkliche Partnerschaft hieße doch gleichberechtigte, paritätische Verfügung über die Produktionsmittel. So vertritt die »Denkstudie« faktisch die Interessen der Unternehmer. Eine Kritik an der Sozialpartnerschaftsideologie« oder eine konsequente Verwirklichung der "Partnerschaft« im wörtlichen Sinn hätte freilich den Konsens der herrschenden Gruppen In Frage gestellt und die Grundstruktur unseres Wirtschaftssystems berührt. Dazu war und ist die Kirche in der BRD nicht bereit. Das Eingeständnis eines fehlenden Konzepts besonders für die mittelständischen Unternehmen und damit der Verzicht auf den Abschnitt 17 der Studie wären also angebracht gewesen. So aber hat man dem Drängen einer partikularen Interessengruppe nachgegeben -mit einiger Konsequenz. Die Handwerkerbewegung hat aus der Denkschrift die entsprechenden Folgerungen gezogen: Sie lehnt die mit dem neuen Betriebsverfassungsgesetz vom 15. 1. 1972 eröffnete Möglichkeit, in Betrieben mit mehr als fünf Arbeitnehmern einen Betriebsrat zu wählen, mit bekannten Arbeitgeberargumenten ab61 : Handwerk sei eine eigenständige Wirtschaftsform (mit Sombart 1919). Die Arbeitnehmer wollten im Handwerk gar keine Gewerkschaft, wie der niedrige Organisierungsgrad beweise (S. 25). Mitbestimmung setze Mitverantwortung und -haftung voraus (S. 26). Demgegenüber wollten die Gewerkschaften nur Macht. Außerdem sei Demokratie »nicht ohne weiteres auf alle Lebensbereiche zu übertragen« (S. 26). Als Ausgangspunkt für eigene Überlegungen zur Mitbestimmung im Handwerk wird empfohlen: »Demut als Dien-Mut, Mut zum Dienen und füreinander da zu sein« (S. 28). Der positive Wert des Eigentums wird einseitig betont. Die Krönung bildet die Mittelstandsideologie: Das Handwerk habe »die Bedeutung einer Alternative der Freiheit des Wirtschaftens und damit zugleich des Lebens in der von mancherlei Zwängen bedrohten Gesellschaft von heute und morgen« (S. 29). Freiheit für wen, auf wessen Kosten?

Mitwelchen Mitteln wird »Freiheit« durchgesetzt? Dass diese Fragen nicht gestellt werden, bestätigt unsere Analyse der Mitbestimmungsdenkschrift und macht deutlich, dass die Handwerkerbewegung in ihrer »progressiven« Richtung, der Männerarbeit, nur scheinbar die Interessen aller im Handwerk Beschäftigten vertritt. In diesem Zusammenhang darf man auf die Stellungnahme der Handwerkerbewegung zu der Novelle zur Handwerksordnung vom Mai I97262 des DGB Bundesvorstands gespannt sein. Die Novelle sieht im Wesentlichen die paritätische Mitbestimmung und erweiterte Rechte für die Arbeitnehmer für alle Organe der Selbstverwaltung im Handwerk vor. Nach der bisherigen Entwicklung ist eine Ablehnung zu erwarten. Unmissverständlich ist die Ablehnung dieser Novelle des DGB durch das Kolpingwerk. Zunächst erschienen zwei Stellungnahmen im Dezemberheft des Kolpingblattes 1972, S.7, in denen zwei Funktionäre den DGB-Vorschlag rundweg als Machtergreifung der Gewerkschaften im Handwerk abwehrten. Im Januar 1973 gab der Vorstand des DHKT im Kolpingblatt seine Übereinstimmung mit dem Kolpingwerk in dieser Frage bekannt. Es kam zu heftigen internen Auseinandersetzungen.63 Mit einer »Erklärung zur Neuordnung im Organisationsbereich Handwerk« wurde diese Diskussion am 5· 10. 1973 beendet 64 : Sie tritt für die Beibehaltung der Selbstverwaltung im Handwerk ein und schlägt eine andere Struktur der paritätischen Mitbestimmung in der Wirtschaft vor: Als erste Stufe zu paritätisch besetzten Wirtschaftskammern sollen Arbeitnehmerkammern in öffentlich-rechtlicher Form gebildet werden (so schon in einer Erklärung vom 5· April 1971 ). Dahinter steht die Absicht, die Gewerkschaften bei der Mitbestimmung im Handwerk und darüber hinaus auszuschalten: "Die übliche -auch von den Gewerkschaften beigebrachte -Begründung für die paritätische Mitbestimmung mit dem Hinweis auf die Gleichberechtigung von Arbeit und Kapital kann wegen der Verschiedenheit dieser Faktoren im Handwerk nicht schlechthin auf den Handwerksbereich übertragen werden.« So lautet die Erklärung vom 5· Oktober I973. Hier finden sich also die bekannten Argumente der Arbeitgeber im Handwerk gegen die Mitbestimmung wieder, wobei im Unterschied zu der Evangelischen Handwerkerbewegung das CDU-Ziel der Errichtung von öffentlich-rechtlichen Wirtschaftskammern anvisiert wird, d. h. konkret: Reduzierung des Einflusses der Gewerkschaften durch öffentlich-rechtliche Anbindung an das »Gemeinwohl« und damit Schwächung der Rechte der Arbeitnehmer. Da dieses Ziel nicht erreichbar ist, will man die Arbeitnehmer von den Gewerkschaften trennen und in eigenen Kammern isolieren. So findet sich auch hier eine klare Parteinahme für die Arbeitgeberseite im Handwerk.

2. Einen gewissen vorläufigen Abschluss fanden die Bemühungen um Kooperation und Koordination mit »Kirche und Handwerk -Kooperationspapier des zentralen Besprechungskreises Kirche und Handwerk -Gedanken und Vorstellungen zur Intensivierung der Zusammenarbeit der Einrichtungen der Evangelischen Kirche und den Einrichtungen des Handwerks«65 vom April 1972. In diesem Gremium wirken neben der Kirchenkanzlei und der Gesamtorganisation des Handwerks Vertreter der Männerarbeit der EKD, der Handwerkerbewegung, des Verbandes Ev. Handwerker, der Kammer für soziale Ordnung der EKD und der landeskirchlichen Sozialämter mit.66 Ausgehend von der allgemeinen ökonomischen Situation des Handwerks und seiner bildungspolitischen Bedeutung wird in dem Papier die Zuständigkeit der Kirche mit den bekannten Leerformeln »Mitverantwortung« und »gesellschaftliche Diakonie«67 konstatiert. Als »gemeinsame Sachaufgaben« werden definiert: erstens Bildungspolitik (Fortbildung, Ausbildung der Ausbilder, sozialethische Fragen), zweitens Sozialpolitik (Sozialversicherung, Vermögensbildung, Betriebsverfassung, innerbetriebliche »Mitwirkung«), drittens die besondere Situation des Handwerks (Stützung der Klein-und Mittelbetriebe) und viertens Methoden, Voraussetzungen und Träger der Zusammenarbeit. Aus diesem Papier sollen hier nur einige grundsätzliche Aspekte kritisch analysiert werden. Auf den ersten Blick scheint das Papier frei von aller Mittelstandsideologie zu sein. Die genauere Betrachtung zeigt aber, dass das Handwerk seine alten Standesinteressen durchzusetzen versucht. Die partikularen wirtschaftspolitischen Interessen sind freilich, wie oben gezeigt wurde, angesichts der Kapitalkonzentration und der zunehmenden Macht der anderen Wirtschaftsverbände auch mit Hilfe der Kirche kaum durchsetzbar. Eine Zusammenarbeit ist also illusionär. Auch sozialpolitisch ist die Stützung »persönlich geführter Unternehmen«68 kaum noch zu erreichen, keineswegs aber zu fordern. »Die Arbeiter und die Angestellten, deren Erscheinen sich so unmittelbar aus der neuen industriellen Produktionsweise entwickelt hat und die die Form der modernen industriellen Gesellschaft teils als Produktionskraft, teils als Konsumkraft repräsentieren, werden nicht bereit sein, mittelständische Reservate aus ihrem Einkommen zu finanzieren, gleichsam eine versteckte Arbeits-und Sozialfürsorge zu betreiben.«69 Formen der Kooperation, der Trend zu größeren Einheiten im Handwerk selbst signalisieren denn auch bereits eine Abkehr von der Selbständigkeit um jeden Preis. Die »Ermutigung«, »das Risiko einer wirtschaftlichen Selbständigkeit zu übernehmen« 70, erweist sich schon heute als ein zweifelhafter Rat. Das Handwerk erwartet also von der Kirche Hilfe bei der Verwirklichung partikularer Interessen, die als »Gemeinwohl« ausgegeben werden. So »muss die moderne Sozial-und Wirtschaftspolitik künftig stärker die Aufgaben und Leistungen der persönlich geführten Unternehmen berücksichtigen«? 71; so soll durch »eine sinnvolle Betriebsverfassung« die Mitwirkung der Belegschaft, aber vor allem »die notwendige Entscheidungsfreiheit der Unternehmensleitung in der Führung des Betriebs sichergestellt« 72 werden. Ob sich die Kirche so zum Diener von Einzelinteressen machen kann, ist mehr als fraglich. Hier finden sich jedenfalls Aussagen, die dem selbstgewählten Maßstab, von höchster »Objektivität, Sachkunde und theologischer Sorgfalt« 73 zu sein, kaum genügen. Denn auch theologisch wäre ein solches Kooperationspapier nur von der ideologischen, ständischen Naturrechtslehre katholischer Prägung her zu begründen. Auf evangelischer Seite findet sich denn auch kaum ein Verfechter einer »Freiheits-und Privatrechtsideologie«,74 Unter dem Deckmantel der »verantwortlichen Gesellschaft« scheinen subsidiäre Naturrechtsauffassungen unerkannt zu herrschen. Auch auf dem Gebiet der beruflichen Bildung erweist sich das Papier als einseitig. Mit »ständiger Anpassung« allein ist es wohl nicht mehr getan. Die strukturellen Mängel gerade in der handwerklichen Ausbildung sind zu offenkundig 75: »Obwohl das Handwerk nur halb so viel Arbeitskräfte wie die Industrie beschäftigt: bildet es jeden dritten Lehrling aus«.76 »Vom Handwerk wurden 1966 mit rund 470000 Jugendlichen fast zwei Drittel aller gewerblichen Lehrlinge ausgebildet. Nur etwa ein Drittel kann damit rechnen, auch als Geselle von einem Meister weiterbeschäftigt zu werden. Die übrigen müssen in die Industrie abwandern. So finden sich

[...] Bäcker, Fleischer oder Schreiner in einem Hüttenwerk oder am Fließband wieder.«77 »Die Hälfte der bei Bosch beschäftigten Arbeiter haben im Handwerk einen völlig anderen Beruf gelernt, bei Bayer sind es 54 Prozent.,,78 »Da viele der im Handwerk Ausgebildeten auf vorindustrielle Produktionsverhältnisse getrimmt werden, müssen sie sich entweder von der Industrie als Hilfsarbeiter verschleißen lassen oder aber einen zweiten Beruf lernen.«79 Hinter diesen Fakten verbirgt sich nun keineswegs böser Wille der Handwerksunternehmer. Lehrlinge aufzunehmen ist für viele Handwerker bittere ökonomische Notwendigkeit, um konkurrenzfähig zu bleiben. Gleichzeitig zeigt sich hier aber die Kehrseite der vielgepriesenen »Partnerschaft zur Industrie«. Auch hier profitiert letztlich die Industrie vom Handwerk, beide jedoch oft auf Kosten des Jugendlichen. Die Bemerkung im Kooperationspapier, dass die handwerkliche Ausbildung »einen entwicklungsfähigen Berufsweg im Handwerk, in Industrie und Verwaltung« eröffnet« 80, hält einer wissenschaftlichen Prüfung nicht stand. Auch hier wird deutlich, dass die Kirche sich zum Vollstrecker einseitiger Interessen auf Kosten der Arbeitnehmer machen würde, wenn sie die Vorstellungen des Handwerks von beruflicher Bildung übernähme. Das bedeutet übrigens auch, dass die Kirche kritischer gegenüber der eindeutig bloß normativ begründeten »Aufstiegsideologie«81 - nicht nur in Bezug auf das Handwerk - Stellung nähme. Für die berufliche Bildung müssten kirchlicherseits erst einmal die zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen über die Situation im Handwerk zur Kenntnis genommen werden. Durch Zusammenarbeit mit anderen Bereichen kirchlicher Sozialarbeit könnten zusätzliche Korrekturen am Inhalt des Kooperationspapiers und der darauf aufbauenden Arbeit gemacht werden. Beides ist dringend erforderlich.





Abschließende Fragen und Konsequenzen

Aus der Analyse der Handwerksideologie und der mit ihr verbundenen kirchlichen Handwerkerarbeit ergeben sich einige grundsätzliche Fragen. Es ist deutlich geworden, dass die kirchliche Seite unter dem Deckmantel der »Sozialpartnerschaft« bewusst oder unbewusst faktisch die Interessen der Selbständigen im Handwerk vertritt. Ein eigenes, theologisch-kritisch fundiertes Konzept für die Rolle der mittelständischen Unternehmen und, darüber hinaus, für die Wirtschafts-und Gesellschaftsordnung in der BRD hat sie nicht. Die kirchlichen Institutionen können in den Konflikten der Gesellschaft nicht länger die Fiktion ihrer gesellschaftspolitischen Neutralität aufrechterhalten. Eine kritische Analyse zeigt, dass Neutralität praktisch zumeist die Herrschenden stützt. Dies kann nicht die Aufgabe der Kirche sein; die Kirche kann m. E. nur parteiisch für die »Schwachen« sein. Die sicher berechtigte Vertretung der wirtschaftlich schwachen Kleinunternehmer gegenüber den »Großen« ist nur insoweit vertretbar, als sie die sozial noch Schwächeren, die Gesellen, die Lehrlinge und die mithelfenden Familienangehörigen, nicht noch mehr diskriminiert. Damit ist aber die Kirche genötigt, ihr Konzept »von unten« her zu entwickeln. Das bedeutet heute, gegen eine bestimmte Selbständigenideologie Partei zu ergreifen, da letztlich die Selbständigen im Handwerk faktisch im Bündnis mit den großen Wirtschaftsmächten gestanden haben und stehen. Es sei hier die Behauptung gewagt, dass auch die Kleinunternehmer im Handwerk durch ein Bündnis mit den Arbeitern und Angestellten, langfristig gesehen, bessere Chancen haben. Für die Kirche allerdings ist es eine Grundfrage der Sozialethik und der Sozialpolitik, ob sie das Risiko der Solidarität mit den sozial Schwachen theologisch gesprochen: das Kreuz zu tragen aus der Hoffnung der Hoffnungslosen82 -zu teilen bereit ist. Dass die Kirche ein solch neues Konzept der Gesellschafts-und Wirtschaftspolitik nur „ideologisch", d. h. interessengebunden, begründen kann, braucht sie dabei nicht zu verschleiern. Voraussetzung dafür ist eine herrschafts-und interessenorientierte Ideologiekritik, zu der die obigen Überlegungen einen Beitrag liefern wollen.





Anmerkungen zu D. Horstmann, Kirche und Handwerk

1 F. Sack, Integration und Anpassung des Handwerks in der industriellen Gesellschaft. Dargestellt am Schreinerhandwerk in Deutschland, Köln/Opladen 1966,S. 112 ff.

2 Ebd., S. 119.

3 Ebd., S. 117; V. ebd., Struktur und Funktion der Handwerksorganisationen in Deutschland seit 1933, Berlin 1966.

4 E. Buchholz, Die Wirtschaftsverbände in der Wirtschaftsgesellschaft, Tübingen 1969, S. 35.

5 Reuß-Gutachten, Rechtsgutachten und Stellungnahmen, DGB-Bundesvorstand (Hrsg.), Bochum (September) 1973, S. 24 u. ö.

6 Vgl. die weiteren Rechtsgutachten im Auftrag des ZDH: L. Fröhler, Die interessenvertretende Funktion der Handwerkskammer, S. 35 H., und G. Küchenhoff, Die Vereinigungsfreiheit von Körperschaften des öffentlichen Rechts, ebd., S. 45 ff.

7 Th. Beckermann, Die Handwerkswirtschaft. Eine volkswirtschaftliche Analyse, Essen 1965; Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung Essen (Hrsg.), Konjunkturberichte über das Handwerk, Berlin (jährlich).

8 H.-]. Haug, H. Maessen, Was wollen die Lehrlinge? Frankfurt 1971,

9 Handwerk 1970, S. 6)

10 Konjunkturberichte. 19, 1972, S. 5.

11 P. Schöber, Die Wirtschaftsmentalität 4er westdeutschen Handwerker, Köln/Opladen 1969, S. 60. 12 Ebd., S. 64.

13 K. H. Schmidt, Das Handwerk 1975. Prognose voraussichtlicher Entwicklung in der BRD, Göttingen 1969; und Lit. Anm. 7.

14 J. Hufschmidt, Die Politik des Kapitals. Konzentration und Wirtschaftspolitik in der BRD, Frankfurt 1969.

15 K. W. Bötticher, Die Aussichten des Mittelstandes in der industriellen Gesellschaft, in: A. F. Utz (Hrsg.), Der Mittelstand in der Wirtschaftsordnung heute, Heidelberg/Löwen 1959, S. I2 ff.

16 ZDH (Hrsg.), Zuliefertätigkeit -eine Form der Kooperation zwischen Handwerk und Industrie, Schriften reihe des ZDH, H. 4, Bonn o. J.

17 Beckermann. Handwerkswirtschaft, S. 64.

18 Boetticher, Aussichten, S. 51.

19 H. A. Winkler, Mittelstand, Demokratie und Nationalsozialismus. Die politische Entwicklung von Handwerk und Kleinhandel in der Weimarer Republik, Köln 1972, S. 188.

20 Schöber, Wirtschaftsmentalität, S. 64. 21 Sack, Integration.

22 A. Schweitzer, Die Nazifizierung des Mittelstandes, Stuttgart 1970, S. 26 H.; H. A. Winkler, Mittelstand, S. 117.

23 Haug, Maessen, Lehrlinge, S. 69.

24 Zur Kritik der Meisterlehre: G. Stütz (Hrsg.), Das Handwerk als Leitbild der deutschen Berufserziehung, Göttingen 1969: B. Lutz, D. Winterhager, Zur Situation der Lehrlingsausbildung, in: Deutscher Bildungsrat (Hrsg.), Gutachten und Studien der Bildungskommission, Band 11, Stuttgart 1970; M. Baethge, Ausbildung und Herrschaft, Frankfurt 1970; O. Seeber I D. Horstmann, Lehrlinge, in: O. Seeber I Y. Spiegel (Hrsg.), Behindert-Süchtig-Obdachlos, München 1973, S. II6 ff

25 G. Schulhoff, Betriebsgrössenorientierte Strukturpolitik, in: H. Gewandt (Hrsg.), Die Zukunft des Mittelstandes, Düsseldorf/Wien 1969, S. 14.

26 ebd , Struktur, S. 22

27 Winkler, Mittelstand, S. 117.

28 Ebd. und Schweitzer, Nazifizierung.

,

29 ehest, Struktur, S. 22

30 Schweitzer, Nazifizierung, S. 178.

31 Winkler, Nazifizierung, S. 124 ff

32 Handwerk 1970, S. 42 ff.

33 Ebd., S. 17 ff.

34 Stern Nr. 16, 1972, S. 17.

35 H. Kaack, Geschichte und Struktur des deutschen Parteiensystems, Opladen 1971, S. 546 f.

36 S. Lipset. Soziologie und Demokratie, Kap. V, S. 135 ff.; H. A. Winkler, ~ Mittelstand, S. 16, Schweitzer, Nazifizierung.

37 R. Kühnl u. a., Die NPD. Struktur, Ideologie und Funktion, Frankfurt 1969, S. 220 ff.

38 Handwerk 1968, S. 307 ff .; Handwerk 1969, S. 304 ff.; W. Coers, Kirche und Handwerk im Gespräch. Deutsches Handwerksblatt, 19, 1970, H.22, S. 26 ff.; Handwerk 197:1, S. 26 ff.

39 Aktionsgemeinschaft »Kirche und Handwerk« (Hrsg.), Handwerker und Kirche, Gelsenkirchen, 4 I, 1972.

40 L. Przybylski, Geschichte der Evangelischen Gesellenvereine, I. Teil 1894 bis 1934, Schriftenreihe Kirche und Handwerk, Nr. 6-8, Bochum 1964.

41 In: Männerarbeit der EKD (Hrsg.), Materialsammlung Handwerk, Offenbach/Main, o. J. (1972.), S.1

42 W. Bienert, Der Handwerker heute und morgen, Gütersloh o. J., S. 38

43 H. Storck, Das sittlich Anständige im Wirtschaftsleben, in: Forschung und Führung im Handwerk, Gütersloh o. J. (195 9?), Band I, S. 9 ff.

44 K. Becker, Qualität ist mehr als Leistung, in: Handwerker und Kirche, 40, 1971, H. 3, S. 15.

45 S. Anm. 39 bis 43·

46 Rat der EKD (Hrsg.), Die Neuordnung der Landwirtschaft in der Bundesrepublik Deutschland als gesellschaftliche Aufgabe. Eine evangelische Denkschrift, Bonn 0. J. (1965).

47 Nach mündlichen Aussagen eines führenden Verbandsmitgliedes.

48 H. Kaack, Geschichte, S. 441 (Lit.).

49 Kühnl u. a., NPD, S. 220 ff.

50 In: Kolpingwerk Deutscher Zentralverband e.V. Köln, (Hrsg.), Idee & Tat. Arbeitshilfen für die Gruppen der Kolpingfamilie, Köln, H. 3/1972, S. 133.

51 Ebd., S. 154

52 Loses Blatt, Kolpingwerk Deutscher Zentralverband (Hrsg.), Bad Wörrishofen 1971.

53 Coers, Kirche, S. 26.

54 Ebd.

55 Rat der EKD (Hrsg.), Aufgaben und Grenzen kirchlicher Äußerungen Zu gesellschaftlichen Fragen. Eine Denkschrift der Kammer für soziale Ordnung der Evangelischen Kirche in Deutschland. Eine Studie, Hamburg 1968.

56 Handwerk I968, S. 308.

57 Zusammenarbeit Kirche-Handwerk, in: DGB-Bundesvorstand (Hrsg.), Gewerkschafter im Handwerk, Bochum, H. 8, 1970, S. 7.

58 Rat der EKD (Hrsg.), Sozialethische Erwägungen Zur Mitbestimmung in der Wirtschaft der Bundesrepublik Deutschland, Gütersloh 1970.

59 Ebd., Abschnitt 17, auch die folgenden Zitate.

60 Institut für Marxistische Studien und Forschungen (IMSF) (Hrsg.), Mitbestimmung als Kampfaufgabe, Köln 1971, S. 51.

61 Männerarbeit der EKD (Hrsg.), Materialsammlung Handwerk, Offenbach am Main, o. J. (1972), S. 25-29.

62 DGB-Bundesvorstand (Hrsg.), DBG-Forderung Novellierung der Handwerksordnung, Bochum (Nachdruck Juni) 1973.

63 Diskussion um die Handwerksordnung, in: Idee & Tat, H. 3/73, S. 203 ff., Kolpingblatt-Artikel, ebd., H. 2/73, S. 413 ff

64 Hektographierte Erklärung des Kolpingwerkes.

65 Kooperationspapier, Druck und Layout, Männerarbeit der EKD, 1972.

66 Ebd., S. 8.

67 Rat der EKD, Aufgaben.

68 Kooperationspapier,
S.5

69 Boetticher, Aussichten, S. 42.

70 Kooperationspapier, S. 5.

71 Ebd.

72 Ebd.

73 Aufgaben, Abs. 35, S. 20.

74 A. F. Utz, Maximen moderner Mittelstandspolitik, Stuttgart 1968,S.50 f.

75 S. Lit. Anm. 8 und 24.

76 Haug, Maessen, Lehrlinge, S. 74.

77 Ebd., S. 98 (nach M. Jungblut, Rebellion der überflüssigen, Bergisch Gladbach, 1967).

78 Ebd., S. 98.

79 Ebd.

80 Kooperationspapier, S. 3.

81 C. Offe. Leistungsprinzip und industrielle Arbeit, Frankfurt 1970.

82 J. Moltmann, Theologische Kritik der politischen Religion, in: J. B. Metz u. a., Kirche im Prozess der Aufklärung, München-Mainz 1970, S. 50 f.

 

© 2017  Dietrich Horstmann   Stand: 07.08.2013

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